Problem von Mia - 15 Jahre

Meine Familie

Tut mir jetzt schon leid, denn für dieses Problem muss ich ein wenig weiter ausholen, weshalb der Text ein bisschen lang werden könnte.

Ich habe zwei ältere Brüder (Der eine ist 10 Jahre älter, der andere zwei Jahre älter als ich). Meine Eltern und der gefühlte Rest meiner Verwandschaft ist in Russland aufgewachsen, weshalb russisch eigentlich die Muttersprache ist. Die meisten in der Familie sprechen zwar auch deutsch, aber bei weitem kein so gutes wie ich. Da ich zu den Wenigen gehöre, die überhaupt kein russisch sprechen, schreiben, lesen oder verstehen können, bin ich schon deshalb ein ziemlicher Außenseiter. Ich finde die russischen Traditionen einfach nur abstoßend und dass jeden Monat irgendein Geburtstag gefeiert wird geht mir richtig auf die Nerven. Meine Verwandschaft ist sehr groß und man geht da als Einzelner in der Masse irgendwie unter. Zum Beispiel habe ich eigentlich zu niemandem in meiner Verwandschaft eine innige Verbindung. Es geht immer nur ums Spaß haben, sich besaufen. Gerade weil ich ein Teenager bin würden die meisten denken, dass ich sowas "cool" finde, aber das Gegenteil ist der Fall. Ich fände es viel ansprechender mit kleinem Familienkreis am Tisch zu sitzen, Tee zu trinken und Kuchen zu essen. Ich kann meine Familie nicht ausstehen. Auch wurde ich mal von meiner Patin mal mit einem Klaps auf den Po begrüßt, aber ich rede viel zu viel um den heißen Brei herum, denn hier sollte es eigentlich um meine Familie gehen.

Meine Familie besteht aus meiner Mutter, meinem Vater, meinen zwei Brüdern und mir. Mit meinem 2 Jahre älteren Bruder verstehe ich mich eigentlich ganz gut. Wir reden oft über Filme oder Serien. Mit meinem 10 Jahre älteren Bruder verstehe ich mich noch besser. Er ist der Einzige, der mich freiwillig dazu bringen könnte auf so eine Verwandschaftsfeier zu gehen, weil es mit ihm immer Spaß macht. Ich sehe ihn auch als eine Art Vorbild und bewundere ihn. Dann zu meinem Vater mit dem ich eigentlich auch noch relativ gut klarkomme. Ich weiß zwar kaum etwas über ihn oder seine Vergangenheit, aber er ist ein "guter Mensch". Allerdings gibt es auch Dinge an ihm, die ich bis auf den Tod verabscheue. Ich finde das Verhältnis aber in Ordnung so und würde daran nichts ändern wollen.

Nun zu meiner Mutter. Denn mit ihr komme ich überhaupt nicht zurecht. Ich kann ihre Denk- und Verhaltensweise nicht ab. Ich hasse es an ihr, dass sie sich vor anderen immer verstellt und einen auf nett macht, sobald wir aber alleine sind ihr "wahres Gesicht" zeigt. Ihren Geiz und die "Ich-Muss-Allen-Gefallen-Einstellung" regen mich tierisch auf. Sie ist auch der einzige Mensch, der es wirklich schafft mich auf die Palme zu bringen, weil ich mich normalerweise ziemlich gut unter Kontrolle habe. Selbst wenn sie einfach nur nett sein will, kotzt es mich schon an, obwohl ich weiß dass sie es meistens nur gut meint. Ich habe auch schon oft mitbekommen wie sie hinter meinem Rücken mit meinem Bruder oder meinem Vater oder am Telefon über mich gelästert hat. Manchmal auch unmittelbar nachdem ich aus dem Raum gegangen bin.

Vor ein paar Monaten habe ich noch anders von ihr gedacht. Es ist ziemlich viel passiert. Meine Mutter ist die Einzige in der Familie, die über mein Schulleben Bescheid weiß. Es war so, dass wir gerade am Wohnzimmertisch saßen und über irgendwas Belangloses geredet haben und ich dann einfach angefangen habe zu weinen, was für mich ziemlich untypisch ist. Ehrlich gesagt jage ich mir selbst damit ein bisschen Angst ein, da ich an diesem Tag einfach keine Kontrolle mehr über mich hatte und so kam es dazu, dass ich ihr angefangen hab von meinen Problemen zu erzählen. Zumindest von einem meiner Probleme. In der Klasse habe ich keine Freunde und bin oft allein, obwohl sich das nicht schlimm anhört. Es ist belastend. Tag für Tag in diese Klasse zu gehen und von allen bemitleidet zu werden. Es ist ein dreckiges Gefühl wenn sogar schon die Lehrer anfangen dich deswegen anders zu behandeln. Was ich an meiner Mutter hasse, ist dass sie weiß wie beschissen die Schule für mich ist, aber es ihr völlig am Arsch vorbei geht. So wie ihr alles was mit meinem Leben zu tun hat am Arsch vorbei geht. Sie macht sich keinerlei Sorgen um mich. Das war schon immer so. Zum Beispiel auch als ich einen Kreislaufzusammenbruch hatte und sie auf mich herabgesehen hat, weil ich angeblich so einen Wirbel drum gemacht hätte. Da kann ich jetzt für meine Eltern sprechen, denn im Grunde ist es meinen Eltern komplett egal was ich in meiner Freizeit mache. Was für Serien oder Filme ich schaue. Vor ein paar Monaten da wollte ich das ändern. Ich wollte eine tiefere Verbindung zu meinen Eltern aufbauen. Etwas worüber ich jetzt nur lachen kann.

Es gab da vor ein paar Wochen einen Vorfall, dessen Hintergründe jetzt zu kompliziert sind zu erklären. Jedenfalls war ich an diesem Tag quasi an meine Eltern "gekettet". Wir hatten eine lange Autofahrt vor uns und mitten im Auto haben sie mir etwas verraten, was mich schon jahrelang beschäftigt hat. Ihnen war nicht mal bewusst wie wichtig diese Nachricht für mich war und daraufhin bin ich wütend geworden. Ich hab die ganze Autofahrt lang geweint. Durchgehend. Und meine Eltern haben es ignoriert. Den ganzen Tag habe ich kein Wort mehr gesagt und meine Eltern hatten den ganzen Tag die Gelegenheit dazu mich zu fragen was los ist oder irgendwas zu tun. Irgendwas außer mich zu ignorieren. Als wir dann Zuhause waren hab ich mich in mein Zimmer eingeschlossen was in meiner Familie sehr untypisch ist. Seitdem ist das Verhältnis komplett im Arsch und meine Mutter versucht mir ständig näher zu kommen, was alles nur verschlimmert. Ich hab keinerlei Hoffnung mehr daran, dass das Verhältnis irgendwann besser wird, denn ich will auch nicht dass es besser wird. Mit anderen Worten meine Eltern sind für mich gestorben. Aber nicht nur wegen dieser Sache.

Vor ein paar Jahren hatte ich eine ziemlich harte Zeit. Man könnte sagen, ich hab alles verloren, was mir irgendwie etwas bedeutet hatte. Meine Eltern waren das Einzige, dass ich noch hatte. Die Personen deren Aufgabe es gewesen wäre mir ihren Beistand zu leisten. Aber es hat sie nie interessiert was mit mir los war. Das Einzige dass sie getan haben war zu meckern, dass ich so geworden bin, aber der Grund für meine komplette Charakterveränderung war ihnen völlig gleich. In dieser Zeit habe ich mich selbst mit meinem Bruder nicht mehr verstanden. Ich habe nur mit ihm gestritten und mit meinen Eltern. Was ich in dieser Zeit besonders bemerkt habe, war wie meine Mutter meinen Bruder immer bevorzugte. Das machte mich krank, weil ich von jedem meiner Freunde zurückgewiesen wurde, nun auch von meiner Familie. Es gab jemanden in der Verwandschaft dem ich erzählt habe, dass meine Mutter meinen Bruder viel lieber hat als mich, aber diese Person meinte nur, dass das Einbildung sei und jedes Kind das manchmal denkt. Aber die Sache mit dem "gleich viel lieb haben" habe ich noch nie geglaubt. Und es ist immer noch so, dass meine Mutter mich anders behandelt als meinen Bruder. Dass ich putzen und kochen muss, Feiern organisieren muss, weil ich ein Mädchen bin. Und mein Bruder faul auf der Couch rumliegen darf, weil Jungs das halt dürfen. Das hat irgendwie dazu geführt dass ich mich noch mehr gehasst habe. Sie haben mich jahrelang mit meinen Problemen, meinen Selbstvorwürfen und meinem Kummer allein gelassen und denken jetzt sie haben das Recht in mein Leben einzutreten, nur weil sie meine Eltern sind. Genauso wenig kann ich das verzeihen. Sie haben mich enttäuscht. Immer wieder und wissen es nicht mal. Es ihnen zu sagen bringt auch nichts, weil sie zu stur sind um mir zu zuhören. Sie denken ich bin das Kind und ich verstehe rein gar nichts. Sie nehmen mich nicht ernst. Im Grunde freue ich mich darauf endlich wegzuziehen. Fast jedes Gespräch mit meiner Mutter wird zu einem Streit und meine Wutanfälle nehmen zu.

Ich habe schon ziemlich viel gesagt. Eine Sache gibt's aber noch, die mich am Meisten stört. Denn wie schon gesagt nehmen mich meine Eltern nicht ernst. Genauso wenig sehen sie ihre Fehler ein oder lernen daraus. Sie haben ja nicht mal den Hauch einer Ahnung, dass sie etwas falsch gemacht haben. Das Problem ist, dass sie mir die Schuld an allem geben. Sie machen mich zum Sündenbock für ihre Inkompetenz mit mir umzugehen. Vielleicht bin ich kompliziert, ok. Aber sie sind meine Eltern und es ist ihre Aufgabe mit mir klar zu kommen. Nicht nur mit der guten Seite sondern auch mit der schlechten. Meine Mutter erwartet von mir, dass ich zu ihr komme wenn ich ein Problem habe und ihr alles erzähle. Aber wie kann meine Mutter mir - angenommen ich würde mit meinen Problemen zu ihr kommen - mit meinen Problemen helfen, wenn sie nicht mal die Probleme, die wir untereinander haben aus der Welt schaffen kann? Sie erwartet von mir dass ich ihr bedingungslos vertraue, tut aber nichts dafür und ich bin der Meinung dass Vertrauen so nicht funktioniert. Dass man Vertrauen aufbauen muss und man es nicht einfach verlangen darf geschweige denn kann. Meine Eltern hatten 15 Jahre lang Zeit dieses Vertrauen aufzubauen, aber wenn es ihnen früher nichts bedeutet hat eine tiefe Verbindung aufzubauen, dann müssen sie sich jetzt nicht wundern, dass es mir ebenfalls nichts mehr bedeutet. Mein Ziel ist es einfach, dass ich wieder normal mit meinen Eltern reden kann so wie früher. Ich will gar keine enge Verbindung zu ihnen. Dafür haben sie schon zu viel bei mir verschissen. Ich will einfach nur ein oberflächliches Verhältnis. So wie das in meiner Verwandschaft. Man ist einfach nett zueinander und nichts weiter.

Danke für's Lesen. Ich würde mich darüber freuen einen Ratschlag zu bekommen, wie ich denn das Verhältnis zumindest auf die "normale Ebene" zurückführen kann oder ob ich irgendwas an meinem Verhalten ändern sollte.

Janine Anwort von Janine

Liebe Mia,

vielen Dank für deine ausführliche Mail.
Ich bin wirklich beeindruckt von deinem Text! Allein der letzte Satz ist wirklich klasse!
Du möchtest wirklich etwas verändern und auch wenn es sich zwischendurch so liest als wolltest du, dass nur die anderen was verändern, so zeigst du es im letzten Satz doch anders.
Das ist nicht selbstverständlich und verdient Anerkennung!

Nun zu deinem Problem.
Ich glaube zu verstehen woran es bei euch liegt.
Was schon mal nicht das Problem ist, ist die fehlende Liebe. So wie du über deine Familie schreibst, wie du dich bemühst, ist diese vorhanden. Auch scheinen deine Eltern sehr bei dir zu sein, auch wenn du es im Moment anders empfindest.
Ich möchte damit nicht sagen das dein empfinden falsch ist. Nur ist es objektiv betrachtet anders. ;)
Die grundlegenden Dinge sind also vorhanden. Bindung, Liebe und der Wille.
Zwischen euch gibt es verschiedene Probleme, die schon alleine von den verschiedenen Werte Vorstellungen kommen.
Deine Eltern sind offenbar russisch erzogen worden. Sie kennen die Werte, die in Russland gelebt werden.
Diese unterscheiden sich grundsätzlich von den Werten, die hier in Deutschland Gang und Gebe sind.
Vor allem das Frauenbild ist vollkommen gegensätzlich.
Wenn man so aufgewachsen ist, dann kommt man da nicht ohne weiteres heraus. Vor allem, wenn man die ganze Familie oft um sich hat und der Rest ebenso groß geworden ist.
Selbst wenn man dann in einem anderen Land, mit anderen Vorstellungen lebt, kann man das nicht einfach ablegen. Es ist in Fleisch und Blut übergegangen. Speziell wenn es gelebte Werte sind, an denen es rein gar nichts zu rütteln gibt.
Selbst wenn deine Mutter wollte, könnte sie es nicht mal ebenso verändern.
Das sie es an dich weiter gibt ist auch vollkommen normal. Auch wenn es dir nicht gefällt.
Was ich im übrigen total verstehen kann.
Welche selbstständige Frau sieht es schon gerne, wenn die Männer sich einen faulen Lenz machen können und sie selber schuften müssen. Obwohl die Jungs genauso gut mit anpacken könnten.
Daran etwas zu verändern, wirst du nicht schaffen.
Was du jedoch versuchen könntest wäre deiner Mutter zu zeigen, warum du das nicht möchtest.
Du kannst den Vergleich ziehen zwischen dem wie du aufgewachsen bist und dem wie sie aufgewachsen ist.
Diesen Vergleich wird sie verstehen. Ob sie es dann aber anerkennt ist eine andere Frage. Denn dafür müsste sie selbst ihr Weltbild verändern. Da deine Eltern bestimmt nicht mehr die jüngsten sind, würde das nur mit extremer Mühe halbwegs klappen.
Ich kann dir da nur empfehlen dich mit ihr auseinander zu setzen. Im Guten. Dich dafür zu interessieren, wie ihre Kultur aussieht. Auch wenn du bestimmt das meiste kennst. alles mit Sicherheit nicht.
Du sagst ja selbst du kannst nicht einmal die Sprache.
Was mir eigentlich schon zeigt, dass deine Eltern sehr wohl anerkennen, dass du hier groß wirst.
Und nicht in Russland.
Ein bisschen Rücksicht von beiden Seiten würde hier bestimmt helfen.
(Außerdem mag dir vieles nicht gefallen. Eventuell gibt es aber auch Aspekte die dir gefallen. Es gibt auch sehr viele tolle Traditionen und Werte!)

Was die Familienfeiern angeht, *lach* muss ich dir leider sagen: Das gehört dazu!
Auch wenn es dir nicht gefällt. Aber das ist wirklich in 90% der Familien so.
Später wirst du das wahrscheinlich anders sehen.
Du möchtest einen kleinen, gemütlichen Rahmen, das Gegenteil von dem was du hast.
Glaube mir, wenn ich dir sage, man will immer das was man nicht hat.
Ich kenne sehr viele Familien. Alle sind total unterschiedlich und irgendwie wünschen sich fast alle das, was sie eben nicht haben. Und einen Trost gibt es. Bist du erst einmal erwachsen und hast deine eigene Familie, oder eben nicht, kannst du alles anders machen. Dann kannst du machen was du möchtest. Und dann wirst du mit deinen Kindern wahrscheinlich dieselben Diskussionen haben. ;)

Nun möchte ich noch ein Thema aufgreifen. Du schreibst, dass deine Eltern mit dir klar kommen müssen. Egal wie du bist. Wie du dich entwickelst. Ob gut oder schlecht....hmmm...
Ich hätte dir in deinem Alter wohl zugestimmt. Auch ein paar Jahre später noch.
Heute sage ich dir, dass ist schlicht weg nicht richtig.
Ich bin selber Mutter und ich musste mir eingestehen, dass die Dinge nicht so einfach sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Kinder sind eigenständige Menschen. Sie haben viel mehr Personen in ihrem Leben als nur die Familie. Sie lernen andere Dinge kennen, lernen andere Orte kennen. Keine Geschichte gleicht der anderen.
Selbst wenn ihr genau dasselbe erlebt hättet, so gäbe es doch zwei Perspektiven. Was dafür sorgen würde, dass ein und dieselbe Situation vollkommen anders erlebt wird.
Das wiederum sorgt dafür, dass man seine Kinder nicht immer versteht, Ganz im Gegenteil.
Schon im Kindergarten und spätestens in der Schule, merkt man, dass seine Kinder sich abnabeln. Das sie ihr eigenes Ding entwickeln. Sie fangen an Dinge zu tun, die man nie gedacht hätte, die man ihnen nicht beigebracht hat.
Und man kann nur dabei zu sehen. Man kann nichts dagegen machen.
Wenn man ein Kind bekommt, dann hat man keine Ahnung was auf einen zu kommt. Selbst bei weiteren Kindern lernt man immer etwas dazu, Denn keines ist wie das andere.
Und auch wenn wir sie lieben, sie beschützen, vor allem schlechten bewahren wollen, so müssen wir irgendwann erkennen, dass wir das nicht können. Weil ihre Welt leider nicht nur aus uns Eltern besteht.
Selbst wenn wir es so wollten.
Haben wir das erstmal akzeptiert, was bei uns auch mal mit großem Schmerz verbunden ist, dann wird es leichter.
Wir lösen die Leine von unserem Kind, wir schauen zu wie sie wachsen und gedeihen. Wie sie aus ihrem Kokon heraus kommen und erwachsen werden.
Wie sie selber denken, selber handeln, selber Entscheidungen treffen.
Ab einem bestimmten Punkt sind wir nur noch Zuschauer, die was dazwischen rufen können. Aber ob ihr dann auf uns hört...bleibt allein euch überlassen.
An eben diesem Punkt seid ihr jetzt angekommen.

Deine Eltern mussten dich irgendwann los lassen, damit du fliegen lernst. Nun hast du diese Flügel.
Du kannst sie nicht mehr zurück geben. Deine Eltern können dich auch nicht mehr einsperren.
Sie versuchen nun einen Zugang zu dir zu finden. Einen Zugang, der aber nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist.
Kinder /Jugendliche sind auch uns Eltern bis zu einem bestimmten Punkt fremd.
Wir kennen euch ganz genau. Wissen wo eure Leberflecken sind, kennen eure Narben, wissen welche Entwicklung ihr hinter euch habt. Doch wir wissen den ganzen Rest nicht. Wir sind darauf angewiesen, dass ihr mit uns redet.
Ein kleines Beispiel:
Ich habe es gehasst, wenn meine Eltern mich gefragt haben wie es in der Schule gewesen ist. Ich war genervt und hab immer nur gesagt: "Gut, wie immer." Auch wenn es nicht stimmte.
Ich habe das gesagt um meine Ruhe zu haben. Ich wollte nichts erzählen und hielt es mehr für Schikane.
Nun rate mal was ich heute tue, wenn mein Kind aus der Schule kommt...;)
"Hallo mein Schatz, wie war es in der Schule?" ;)
Mein Kind ist auch genervt und sagt dasselbe wie ich damals. Jedes Mal muss ich lachen.
Und doch finde ich es schade, denn ich weiß was ich alles verpasse. Die ganzen Dramen, die sich in den Pausen abspielen. Welcher Sitznachbar heute wieder Zettel geschrieben hat. Welcher Lehrer heute blöd oder cool ist.
Und vieles mehr. Im Endeffekt kenne ich nur den halben Tag meines Kindes. Und je älter es wird, desto größer wird die Zeit des Tages, an dem ich nicht weiß was es denkt, fühlt oder erlebt.
Es sei denn, es erzählt mir was los ist!
Bei mir ist es noch so, doch bei dir wird es lange nicht mehr so sein. Wie du selbst geschrieben hast. Auch das ist normal.
Es gehört dazu.
Das bedeutet aber nicht, dass deine Eltern kein Interesse an dir haben. Das sie dich nicht lieben. Das es ihnen am A*** vorbei geht. Sondern nur, dass du erwachsen wirst. Den Großteil deiner Zeit ohne sie verbringst, sie nicht wissen was du denkst. Sich aber dafür interessieren, in dem sie den Zugang zu dir suchen.
Und glaube mir, den Eltern fällt das nicht leicht.
Sie möchten die Kinder nicht vergraulen, was schnell passiert. Sie wollen nicht nerven oder lästig werden.
Sie wollen auch nicht wütend angemacht werden oder sich blöde Antworten anhören.
Was sie möchten ist ein kleines bisschen mehr von deinem Leben. Ein kleines bisschen mehr von dir.
Nur so viel, wie du bereit bist ihnen zu geben.

Eltern sind nur Menschen. Genauso wie du. Sie sind nur älter und haben schon mehr erlebt. Ansonsten gibt es da keinen Unterschied. Und ich weiß das man seine Kinder nicht immer verstehen kann, selbst wenn man sich noch so viel Mühe gibt.
Dadurch das wir sie nicht verstehen, können wir auch ihr Verhalten nicht nachvollziehen, dadurch wird es schwer für uns mit ihnen umzugehen.
Sorry wenn ich es so sage, aber es ist nicht unsere Aufgabe Gedanken zu lesen. Es ist nicht unsere Aufgabe jede Laune mit zu machen. Unsere Aufgabe als Eltern ist es für euch da zu sein. Euch zu helfen, wenn ihr welche braucht. Auch wenn ihr danach fragt. Aber unsere Aufgabe ist es auch euch zu erziehen! Selbst mit 15 noch!
Klar hört man das als fast Erwachsene nicht gern. So ist es dennoch. Unsere Aufgabe ist es euch den Weg zu zeigen, zu sagen und ein wenig zu lenken. Das geht aber alles nur bis zu einem bestimmten Grad.
Und alles andere ist nicht unsere Aufgabe, unsere Pflicht oder ähnliches. Ich denke du weißt genau was ich meine.
Wenn du sagst deine Eltern müssen mit dir klar kommen, wie du bist, dann würde das voraussetzen das deine Eltern ihren Job nicht machen! Dann würden sie dich nämlich nicht mehr erziehen!
Es gehört zum Leben dazu sich ein wenig angepasst zu verhalten. Sozialverhalten nennt man das auch.
In der Schule ist dir vollkommen klar, dass es nach den Regeln der Lehrer geht.
Du würdest nicht auf die Idee kommen das ein Lehrer nach deiner Pfeife tanzen muss.
Zu Hause ist es nichts anders. Deine Eltern sagen wo es lang geht.
Das kann durchaus mal dazu führen, dass sie in deinen Augen nicht mit dir umgehen können.

Deine Aufgabe ist es Kind zu sein! Und auch deine eigenen Vorstellungen zu entwickeln.
Das ist kein leichter Job. Diese Phase in der du gerade steckst ist wohl die, die am meisten für Verwirrung sorgt.
Man fühlt sich ständig anders. Man wird dauernd anders behandelt. Man muss alles erfüllen, was ein Kind erfüllen muss. Aber auch fast alles, was ein Erwachsener erfüllen muss.
Das ist anstrengend. Vor allem, weil dann auch noch die Hormone machen was sie wollen und man wenig bis keine Kontrolle mehr über sich hat.
Siehe zum Beispiel deine Wut. Die Wut ist da, keine Frage. Woher sie kommt, wirst du am besten wissen.
Aber eigentlich wäre sie gar nicht so schlimm. In dieser Zeit in der du steckst, werden solche Gefühle aber richtig schlimm.
Da wird aus einem kleinen wütenden zucken ganz schnell ein gewaltiger Hulk.
Du kannst versuchen deine Gefühle zu ergründen.
Wenn du weißt woher genau sie kommen, dann kannst du sie besser steuern.
Du kannst etwas dagegen tun.
Auch Entspannungsübungen können dabei helfen dich besser zu kontrollieren. Hierfür ist es aber notwendig die Übungen regelmäßig zu machen.
Schau mal bei Youtube nach: Autogenes Training, Fantasiereisen, Entspannungsübungen/Musik, usw,
Vielleicht ist auch Yoga etwas für dich.
Meditation ist ebenfalls eine tolle Sache und wirkt ganzheitlich. Hierfür ist allerdings ein wenig Übung nötig, bis man den gewünschten Erfolg hat.

Ich denke zwischen euch ist mehr vorgefallen. Du hast es ja auch angedeutet.
Dazu kann ich nichts sagen, aber vielleicht lohnt es sich mit deinen Eltern zusammen zu setzen.
Ohne bloße Schuldzuweisungen. Sondern fragend. Überlege dir vorher die Dinge aus, die du wissen willst und versuche sie schon vorher in eine passende, höfliche Form zu bringen.
Dann suchst du einen ruhigen Moment und versuchst es.

Du hast das Gefühl das deine Eltern dich nicht ernst nehmen. Und in manchen Situationen tun sie das wahrscheinlich auch nicht. Nicht weil es ihnen egal wäre. Sondern weil sie selbst das alles kennen. Von sich. Von deinen Brüdern.
Sie haben das durch und sehen es nicht mehr als ernst an. Auch wenn es das für dich ist.
Für dich ist das neu und du durchlebst es zum ersten Mal.
Leider stumpft man mit der Zeit ab. Man vergisst wie es einem selbst ging.
Man vergleicht es mit dem was man selbst an Problemen hat.
Das Verständnis fehlt. Aber das kann wie gesagt versuchen zu schaffen ;).

Sollte all das nicht helfen, dann kannst du auch zu einer Beratungsstelle gehen. Dort kannst du deine Probleme schildern und da diese Menschen vor Ort sind, haben sie auch nochmal ganz andere Möglichkeiten, als wir hier.
Ich denke es könnte auch nicht schaden einen Psychologen/Therapeuten aufzusuchen.
Bei dem kannst du alles los werden, er kann dir helfen deine Wut in den Griff zu bekommen und vieles mehr.

Nun ich hoffe, dass ich dir ein wenig helfen konnte.
Du hast viel Kraft, bist schlau und du bist bereit für Veränderung!
Alles steht auf grün! Das du es nicht schaffst ist unvorstellbar ;).
Daumen drücken tue ich dir dennoch!
Ich wünsche dir alles Gute.
Liebe Grüße
Janine