Problem von Anonym - 16 Jahre

Ich mag meinen Charakter nicht

Hallo liebes Kummerkasten Team,
Ich habe ein Problem, was immer stärker wird und wo ich nicht weiß, was ich machen soll. Mein Charakter ist mein Problem. Ich finde mein Charakter selbst schlimm. Ich finde ich bin manchmal zu komisch oder zu aufdringlich. Komisch kan ich irgendwie nicht erklären, weil ich selbst nicht weiß. Mit aufdringlich meine ich, dass wen ich mit einer Person schreibe und er aufeinmal nicht antwortet mache ich mir sofort Sorgen, dass ich was falsches gesagt habe. Oder ich spreche oder schreibe was und überlege ob ich was falsches gesagt habe. Ich kann mit Menschen nicht umgehen, weil ich Angst habe was falsches zu sagen und deswegen bin ich immer schüchtern. Und wen ich dan mal rede, dan sage ich was dummer, weil ich nervös bin. Und das regt mich an mir selbst auf. Ich habe auch keinen besten Freunde irgedwie, weil ich keine finde die mich so akzeptieren oder noch nicht mals richtig kennen. Das hört sich so an als wäre ich irgendwie traurig, aber das bin ich nicht. Ich hatte eine schlimme Zeit hinter mir vor der noch alles schlimmer war, aber ich möchte endlich mich akzeptieren und das Leben genießen. Und ich sollte vielleicht sagen, daß ich Schwul bin, was mich noch mehr verunsichert. Es wissen meine Freunde aus der Schule und ich gehe damit leicht um, aber ich bin mir bei fremden Leuten einfach unsicher,ob sie es akzeptieren und nicht ins lächerliche ziehen oder ein großen aufstand daraus machen.
LG

Anwort von Lan

Hallo lieber Ratsuchende,

vielen Dank, dass du dich mit deinem Problem an uns gewendet hast und dich uns anvertraust.
Zunächst einmal finde ich es schade, dass du deinen Charakter schlimm findest und du dich dadurch nicht selbst akzeptieren und lieben kannst. Es klingt für mich nicht so, als hättest du einen schlimmen Charakter.
Meiner Ansicht nach, ist jeder Mensch mal komisch, jeder hat seltsame Angewohnheiten, deswegen hat man noch lange keinen schlimmen Charakter. Vielleicht denkst du auch von deinen Freunden und deiner Familie, dass sie manchmal etwas seltsam sind. Aber würdest du dann auch sagen, dass sie deswegen einen schlimmen Charakter haben? Ich könnte mir vorstellen, dass es deinen Mitmenschen auch so gehen könnte und sie das, was du beschreibst, gar nicht schlimm finden.

Zum Thema Aufdringlichkeit:
Ich verstehe, dass dich dieses Gefühl zu aufdringlich zu sein verunsichert. Schließlich macht man sich automatisch Gedanken, wenn keine Antwort kommt. Ich denke, es geht vielen so wie dir. Das ist vollkommen normal. Aber hast du vielleicht auch einmal daran gedacht, dass es vielleicht auch andere Gründe gibt, die den anderen von einer Antwort abhalten. Vielleicht kennst du das ja auch von dir selbst? Vielleicht hat der andere ja Stress oder einfach gerade keine Zeit, hat andere Sorgen, es muss nicht an dir liegen. Vielleicht braucht der andere auch einfach mehr Zeit, um dir später ausführlicher zu antworten. Natürlich ist es frustrierend, wenn man nicht weiß, woran man ist. Aber vielleicht hilft es dir, dich in die Situation des anderen hineinzuversetzen und zu schauen, ob die Gründe nicht vielleicht auch woanders liegen könnten. Nach wie vor bleibt aber natürlich das unangenehme Gefühl und die Sorge, dass es an einem selbst liegt. Das lässt sich nicht so einfach abschütteln. Wie wäre es dann, wenn du das offen ansprichst? Vielleicht könntest du fragen, ob alles in Ordnung ist, weil du länger nichts mehr von ihm gehört hast und du dich sorgst, dass etwas passiert ist. Und vielleicht deine Angst aussprichst, dass du befürchtest, es liege vielleicht an dir. Das erfordert Mut, aber wäre eine Möglichkeit für dich, dich mit der Angst vor Ablehnung auseinanderzusetzen und zu prüfen, ob etwas dran ist.

Du schreibst, dass du keine wirklichen Freunde hast, die dich akzeptieren und kennen. Was meinst du, woran das liegen könnte?

Vielleicht hilft es dir Selbstvertrauen aufzubauen, indem du dich zunächst einmal selbst besser kennenlernst. So entdeckst du möglicherweise Seiten an dir, die du an dir magst und gut findest. Was gefällt dir? Was macht dir Spaß? Hast du bestimmte Hobbys, Sportarten oder Interessen, für die du brennst? Magst du Kreatives oder machst du etwas im musikalischen Bereich? Ich könnte mir vorstellen, dass Hobbys dir helfen können, neue Leute kennenzulernen, mit denen du gemeinsame Interessen und Ähnlichkeiten teilen kannst. Ich denke, dass sie dabei auch helfen können, dass deine Stärken mehr im Vordergrund stehen und deine Schwächen weniger. Meist ist es so, dass man in den Dingen doch ganz gut ist, die man mag und die man gern macht. Und so ganz nebenbei kannst du bei den Hobbys vielleicht auch Komplimente oder Anerkennung bekommen. Das stärkt dein Selbstwertgefühl. Vielleicht kannst du in Gegenwart von Menschen, mit denen du deine Hobbys teilst, auch offener werden? Und vielleicht fühlst du dich dann auch akzeptierter? Magst du dich auch an ein Hobby trauen, was du noch nicht kannst? Vielleicht gibt es ja andere Jungen und Mädchen in deinem Jahrgang, deren Hobbys du interessant findest. Dann könntest du sie dabei begleiten und mal reinschnuppern. Vielleicht wäre das ja etwas für dich. Das hat den Vorteil, dass du da nicht allein etwas Neues probieren musst. Du könntest auch mal bei deinen Klassenkameraden und Eltern fragen, ob sie Hobbies im Sinn haben, die zu dir passen. Manchmal haben andere Menschen andere Sichtweisen auf einen selbst. Dann kannst du auch an deiner Selbst- und Fremdwahrnehmung arbeiten. Andere Menschen könnten Stärken an dir sehen, die du selbst nicht kennst.

Dass du dich unsicher wegen deiner Homosexualität fühlst, kann ich nachvollziehen. Ich denke, dass du unsicher bist, weil du dich eventuell damit allein fühlst und nicht weißt, wie du damit umgehst und wie viel du preisgeben kannst. So lese ich das aus deiner Antwort heraus. Eine sexuelle Orientierung zu haben, die nicht von der Mehrheit geteilt wird, kann sehr unsicher machen. Aber damit bist du dennoch nicht alleine. Es gibt auch viel andere, denen es so geht. Vielleicht würde es dir gut tun, wenn du den Kontakt zu anderen Homosexuellen suchen würdest? Kennst du jemanden in deinem Umfeld? Und wenn es da niemanden geben sollte, musst du nicht aufgeben. Per Internet und sozialen Medien kann man auch Menschen finden, denen es ähnlich geht. Dann könntest du dich mit ihnen austauschen und von ihnen lernen, sicherer damit umzugehen. Am Ende der Nachricht findest du einige nützliche Links, die dir helfen könnten.

Ich verstehe, dass du unsicherer in Gegenwart von fremden und neuen Kontakten bist . Das ist vollkommen normal und darf auch sein. Schließlich kannst du, wie du schon schreibst, nicht wissen, wie sie darauf reagieren werden. Es kann sein, dass sie so reagieren, wie du es beschreibst, es kann aber auch anders sein, das ist leider nicht vorhersehbar. Mir erscheint es so, als würdest du dich zu sehr auf deine eigene Sexualität reduzieren, was dich daran hindert, neue Kontakte einzugehen. Aber du bist mehr als nur homosexuell, du hast noch viele andere Eigenschaften zu bieten. Die Homosexualität ist nicht alles, was dich beschreibt und ausmacht. Versuche zu schauen, was dich noch ausmacht. Was bist du für ein Mensch? Was zeichnet dich außerdem aus? Was findest du an dir gut und was weniger gut? Negative wie auch positive Eigenschaften gehören zu dir und machen dich zu dem, der du bist.

Ich denke, dass du besonders verunsichert bist, wegen deiner Homosexualität. Ich denke, dass es einige Dinge gibt, bei denen es hilfreich wäre, wenn du dich direkt mitteilen würdest. Beispielsweise wenn du anderen gestehst, dass du schüchtern bist. Ich denke, dass es dann für den anderen leichter wird, gleich zu sehen, woran er bei dir ist und auch leichter mit der Schüchternheit umgehen kann. Was aber die Homosexualität betrifft, wäre es meiner Ansicht nach ratsamer, das nicht sofort zu erzählen, sondern abzuwarten. Das wäre mein Vorschlag an dich. Wie mit beiden Thematiken Schüchternheit und Homosexualtität umgegangen wird, ist individuell verschieden. Du entscheidet, ob es dir zu früh ist oder ob es helfen könnte, darüber schon von Anfang an zu reden. Du kannst entscheiden, wie viel du von dir preisgibst, wie verletzlich du dich machst und wie du mit der Reaktion anderer auf deine Homosexualität und Schüchternheit umgehen kannst.

Abschließend will ich dir sagen, dass ich mit dir fühle. Vielen Jugendlichen in deinem Alter fällt es schwer, sich zu akzeptieren, sie müssen sich noch erst finden, wissen noch nicht, wer sie sind und das sorgt für Unsicherheiten. Auch die eigene sexuelle Orientierung gehört dazu, mit der auch andere kämpfen. Das ist vollkommen normal und nichts, wofür du dich schlecht fühlen oder schämen musst. Es ist menschlich. Ich finde es gut, dass du bereits so über deine Sorgen und Ängste reflektieren kannst und etwas dagegen machen willst. Und dass du dich an uns wendest und so offen mit uns schreibst, finde ich sehr lobenswert!

Ich habe hier noch einige Links für dich zusammengestellt, die ich für nützlich und hilfreich erachte. Du kannst schauen, ob du etwas damit anfangen kannst. Beim Lambda Link geht es darum, andere homosexuelle Kontakte machen zu können und eine Gemeinschaft zu finden, die dir vielleicht helfen kann. Die restlichen sind rein informative Links.
https://maennerberatungsnetz.de/beratungsfelder/homosexualitaet-queeres-leben/
https://www.enough-is-enough.eu/beratungsstellen---linkliste
https://www.sexundso.de/index.php?id=27
https://www.loveline.de/infos/liebe/wen-liebe-ich/schwul-lesbisch-bi-hetero.html
https://lambda-online.de

Ich hoffe, ich konnte dir vielleicht einige Denkansätze und Tipps geben. Sich selbst zu akzeptieren ist schwer, es ist ein Prozess und geschieht nicht von heute auf morgen. Aber gib bitte nicht auf, wenn du daran arbeitest, kannst du lernen, dich selbst zu akzeptieren. Ich wünsche dir alles Gute! Du kannst uns immer wieder gerne schreiben, wenn du möchtest.


Liebe Grüße
Lan