Problem von C. - 24 Jahre

Ich finde keinen "Draht" mehr zu anderen Menschen

Hallo liebes KuKa-Team,

Allem voran: Einen herzlichen Dank für die ehrenamtliche Arbeit die ihr leistet, ich habe sehr großen Respekt davor.

Zu meinem Problem:

Ich bin 24 und habe vor Kurzem angefangen zu studieren. Neue Stadt, neues Leben, ich kannte noch überhaupt niemanden hier. Coronabedingt habe ich meine Kommilitonen zuerst übers Internet kennengelernt, später dann auch in Echt. Und hier ist wieder das gleiche passiert, dass mir immer passiert wenn ich neue Leute kennenlerne.

Man beschnuppert sich. Redet ein bisschen. Die anderen verstehen sich immer besser miteinander, werden lockerer, machen Späße, und ich bleibe außen vor. Man ist zwar noch höflich zu mir, aber in meiner Gegenwart wird nicht so viel gewitzelt wie mit den anderen. Man bleibt auf Distanz, so ist mein Gefühl. Das war auch schon vor dem Studium auf der Arbeit so. Und irgendwie ist es seltsam, weil ich als Krankenpflegerin eigentlich ja den ganzen Tag mit Menschen zu tun hatte. Während ich mit den Patienten aber sehr gut klarkam, stieß ich bei meinen Kollegen auf eine gewisse "eingefrorene" Stimmung.

Ich muss zugeben, ich brauche lange, um mich jemandem zu öffnen. Aber trotzdem versuche ich, nicht zu verstockt zu sein, auch mal zu witzeln, interessiere mich für mein Gegenüber etc. . Um ehrlich zu sein weiß ich gar nicht, was ich eigentlich "falsch mache".

In der Schulzeit wurde ich viel gemobbt und hatte mich quasi zum Selbstschutz immer weiter von anderen Leuten distanziert. Teilweise bin ich sogar regelrecht "verstummt" wenn ich in der Schule war. Ich hatte eine Heidenangst vor meinen Mitschülern und irgendwann auch vor Menschen generell. Rückblickend könnte das auch eine Sozialphobie gewesen sein, aber ich war deswegen nie beim Arzt. Irgendwann mit 16 bin ich darüber hinweggekommen und habe wieder mehr mit meinen Mitschülern und Lehrern gesprochen, aber insgesamt hat dieser Zustand 5 oder 6 Jahre angehalten. Ich kann mich noch erinnern, dass ich als Kind vor dem Mobbing ziemlich aufgeschlossen war und schnell Freunde gefunden habe.

Ich habe durchaus ein paar Freunde und bin sogar in einer Beziehung (all diese Menschen leben aber in einer anderen Stadt, sogar in anderen Bundesländern...). Ich habe sie schon des Öfteren gefragt, ob etwas an meinem Verhalten "nicht stimmt", aber ihnen fällt nichts auf. Vielleicht verhalte ich mich gegenüber Menschen, die ich gut kenne auch ganz anders.

Und eigentlich fühle ich mich auch wie ein ganz normaler Mensch. Das einzige was ich seltsam finde, ist dass andere meine Bekanntschaft zu meiden scheinen und ich Probleme habe, Leute kennenzulernen.

Ich hoffe ihr könnt mir etwas raten, ich bin mit meinen Ideen ziemlich am Ende...

Vielen Dank,

C.

Anwort von Lan

Liebe C.,

danke, dass du dich uns anvertraut hast und auch vielen lieben Dank für dein großes Lob, deine lieben Worte und deine Wertschätzung! Ich freue mich sehr darüber und hoffe, dass ich dir jetzt auch so gut wie es geht helfen kann. Ich gebe mein Bestes.

Zunächst einmal finde ich, dass du absolut nichts falsch machst. Bitte denk nicht daran, dass etwas nicht mit dir stimmt. Du bist gut so wie du bist und solltest so auch bleiben. Verbiege dich nicht, um anderen zu gefallen. Bleib dir selbst treu. Ich denke du machst es genauso richtig, du signalisierst ja auch Interesse und möchtest ja auch Kontakte aufbauen. Das machst du schon toll, finde ich.

Kontakte im Studium

Wenn die anderen auf Distanz gehen, denke ich, hat das aber nichts damit zu tun, dass du etwas falsch machst. So wie ich das herauslese, scheint es eher ein Problem der anderen zu sein. Vermutlich wissen sie nicht, wie sie mit dir umgehen können, weil du eben doch etwas mehr Zeit braucht aufzutauen. Das soll aber keineswegs ein Vorwurf sein oder eine Aufforderung, dass du dich verändern sollst. Bitte versteh das nicht falsch.

Ich habe das Gefühl, dass die anderen Kommilitonen vermutlich mehr locker drauf sind, mehr Witze machen, Small Talk betreiben und das dann eher vielleicht nicht zu dir passt. Sie sind vermutlich extrovertierter als du. Aber das ist nicht schlimm. Ich bin mir sicher, dass es auch andere Menschen gibt, die eher mit dir harmonieren als die anderen Kommilitonen. Ist dir vielleicht jemand aufgefallen, der vielleicht auch eher höflich und zurückhaltend und unter sich bleibt? Du musst nicht versuchen, dich bei den anderen zu integrieren. Vielleicht geht es anderen so wie dir und sie haben keinen Spaß daran, immer so locker fröhlich extrovertiert zu sein. Dann könntest du eventuell auch deine eigene kleine Gruppe gründen, die mit dir eher auf einer Wellenlänge sind.

Man harmoniert nicht mit allen Menschen

Du schreibst selbst, dass du mit den Patienten damals als Krankenpflegerin gut zurecht kamst, aber mit den Kollegen nicht. Das scheint mir ein wichtiger Hinweis zu sein, dass es kein generelles Problem an dir ist, sondern dass es an deinen Mitmenschen liegt oder ihr einfach nicht miteinander kompatibel seid. Ich glaube schon, dass du mit Menschen gut zurecht kommst, was du ja bereits mit den Patienten wohl bewiesen hast.

Es ist auch nicht möglich, dass man mit allen Leute gleich gut kann, mit einigen harmoniert man mehr, mit anderen weniger. Ich glaube, dass deine Kommilitonen es einfach auch nicht gewöhnt sind, mit Menschen zusammen zu sein, die eben doch mehr Zeit brauchen, um sich zu öffnen. Aber das ist wie gesagt keine schlechte Eigenschaft, das gehört zu dir und darf so sein. Es hat den Vorteil, weil man dann wirklich sieht, wer sich für einen interessiert. Solche Menschen versuchen dich trotzdem immer besser kennenzulernen und gehen nicht auf Distanz, sie stellen Fragen und lassen sich Zeit, dir näher zu kommen.

Bleib wie du bist, denn du bist okay so

Lange Rede, kurzer Sinn: Bleib so wie du bist, du machst nichts falsch. Wenn die anderen auf Distanz bleiben, sind es eben nicht die passenden Menschen für dich. Doch die richtigen werden kommen und dich so nehmen, wie du bist. Und du hast ja bereits auch einige Menschen, die dich so schätzen wie du bist, wie deine Freunde und dein Partner. Und wie du selbst schreibst, ihnen fällt nichts Seltsames auf. Womöglich auch daher, weil sie dich schon sehr gut kennen und du dich ihnen öffnest.

Andere, die das so nicht kennen, sind vielleicht auch verunsichert und gehen daher auf Abstand, weil sie dich nicht durchschauen können oder womöglich denken, dass du unnahbar oder gar arrogant bist. Das stimmt bestimmt nicht, aber es könnte eben den Eindruck erwecken, wenn man eben eher reserviert ist. Doch wer dich wirklich kennenlernen will, wird einen Weg finden, dir näher zu kommen. Und es wird Menschen geben, denen es so geht, glaub mir.

Mobbing und soziale Phobie

Es tut mir leid zu lesen, dass du früher gemobbt wurdest. Es sind eigentlich immer die "guten", denen das passiert. Fühl dich gern von mir gedrückt, wenn du magst. Da kann ich es noch besser verstehen, wenn du dich dadurch zurückgezogen hast, um dich selbst zu schützen. Das muss eine sehr schwere Zeit für dich gewesen sein. Auch die Sache mit der möglichen sozialen Phobie hat dir sicher zu Schaffen gemacht.

Ich freue mich zu lesen, dass du das Ganze dann doch verarbeiten konntest und das alles doch eine glückliche Wendung genommen hat. Das Mobbing hat dich sehr geprägt und das ist traurig zu wissen, dass du davor so aufgeschlossen warst. Aber es ist leider geschehen und nicht zu ändern. Du bist aber gestärkt daraus gegangen.

So wie ich das sehe, stimme ich dir zu. Wahrscheinlich bist du noch etwas reserviert und öffnest dich schwer, wodurch andere Menschen auch etwas schwerer Zugang zu dir finden. Aber wie gesagt, das ist nicht schlimm, es gibt Menschen, denen fällt es leichter, und anderen fällt es schwerer. Es ist weder gut noch schlecht, jeder ist eben anders und das ist gut so. So wie es eben aufgeschlossene Menschen gibt, gibt es auch eher Zurückhaltende, beide brauchen wir in unserer Gesellschaft und beide haben ihre Vorzüge.

Gute Weiterentwicklung

Wichtig ist zunächst einmal, dass du weißt, dass du nichts falsch machst. Du bist eben so wie du bist und das ist gut so. Vor allem finde ich es großartig, dass du dich trotz der schweren Mobbingzeit so veränderst hast, stärker geworden bist, wieder mehr Kontakt zu anderen aufgenommen hast. Wenn das stimmt, dass du früher so ruhig warst, hast du dich sehr weiterentwickelt. Du hast meinen vollsten Respekt! Nicht jeder, der so etwas durchmacht, was ja auch sehr traumatisch sein kann, kriegt sein Leben so gut wieder auf die Reihe. Du hattest eine Arbeit gefunden, die sogar mit Menschen zu tun hat, du hast Freunde und einen Partner gefunden und führst jetzt ein viel besseres Leben. Das ist wunderbar und ich freue mich, dass du es so weit geschafft hast. Das solltest du auf alle Fälle mit bedenken und auch würdigen. Du kannst stolz auf dich sein.

Und es ist auch absolut verständlich, wenn du nach wie vor zurückhaltend bist, nach allem, was du durchgemacht hast. Bitte akzeptiere das, dass es eben so ist. Ich kann es auch verstehen, dass du Zeit braucht, um dich zu öffnen. Da ist vermutlich immer noch die Angst davor, verletzt zu werden. Das ist in Ordnung.

Meine Geschichte

Vielleicht hilft es dir, wenn ich dir meine kleine Geschichte erzähle: Als ich neu zu studieren anfing, ging es mir in etwa ähnlich wie dir. Ich lernte zwar auch neue Leute kennen, aber so einen richtigen Draht hatte ich zu denen nicht. Mir fiel es auch schwer, mich zu öffnen, ich brauchte lange und auch die richtige Person. Im Studium selbst hatte ich keine Freunde, es waren nur lose Bekanntschaften. Doch mit der Zeit engagierte ich mich ehrenamtlich, fing mit Sportkursen an und lernte auf dem Wege und auch übers Internet Menschen kennen, mit denen ich besser harmonierte und hatte dann endlich auch mal Freunde in meinem Studienort. Das zeigte mir, dass es eigentlich nie an mir selbst lag, sondern immer daran, dass ich einfach nicht die richtigen Menschen gefunden hatte. Mit meinen Kommilitonen fühlte ich mich nicht auf einer Wellenlänge, wir waren so verschieden, hatten unterschiedliche Interessen, darum konnte ich keinen ordentlichen Draht entwickeln.

Etwas finden, was dir liegt

Es könnte also auch bei dir so sein, dass niemand wirklich schuld hat, sondern dass du eben nicht mit allen gut klarkommst. Aber deine damaligen Patienten, deine Freunde zeigen dir, dass es doch geht und es nicht an dir liegt. Wie hast du denn damals deine jetzigen Freunde kennengelernt? Das könnte auch ein Hinweis für dich sein, neue Leute kennenzulernen.

Vermutlich bist du mit deinen Kommilitonen eben nicht auf einer Wellenlänge, das ist okay, das passiert. Aber vielleicht triffst du doch im Laufe des Studiums einige, mit denen du besser harmonierst. Wie wäre es mit einem Unisportkurs, der dich interessiert? Da wäre schon mal eine Gemeinsamkeit der Sport, der euch zusammenbringt. Oder wie wäre es, wenn du auch außerhalb der Uni schaust, ob du da Leute kennenlernst? Wichtig ist zu wissen, was dir gefällt und was du gerne magst. Welche Aktivitäten magst du, welchen Hobbys gehst du nach oder gibt es auch Sachen, die du gerne mal ausprobieren wolltest?

Bei dir könnte ich mir auch vorstellen, dass es dir gut tun könnte, dich ehrenamtlich im sozialen Bereich zu engagieren. Du schreibst, dass du gut mit Menschen kannst und auch als Krankenpflegerin gearbeitet hast. Vielleicht hast du ja Lust, in dem sozialen Bereich auch anderen weiterzuhelfen? So lernst du auch neue Leute kennen und vielleicht auch solche Menschen wie deine damaligen Patienten, mit denen du dann ein bessere Verhältnis hast als mit deinen Kommilitonen. Vielleicht ist das eher dein Ding, du blühst beim Helfen auf, bist dann vielleicht auch offener als in der Uni?


Freunde im Internet finden

Ich kann dir, selbst als ruhiger Mensch, empfehlen, mal so eine Freundschaftsplattform wie "Beste-Freundin-gesucht" zu probieren. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Dort kannst du nach deiner Stadt schauen und welche Mädels da auch Freundinnen suchen. Du hast dann auch nach Interessen, Alter und was gesucht wird filtern. Ich habe auf dem Wege auch drei Freundinnen gefunden, die ich sonst nie kennengelernt hätte.

Es kann natürlich sein, dass du da auch einige triffst, mit denen es nicht harmoniert. Aber auch wenn das nicht klappen sollte, bist du aktiv geworden, bist aus deiner Komfortzone rausgekommen und hast Erfahrungen mit neuen Menschen gesammelt. Das ist auch sehr viel wert. Das hat auch den Vorteil, dass ihr euch online erstmal beschnuppern könnt und schaut, ob es passt. Und mit jedem neuen Kennenlernen übst du dich auch darin, dich wieder etwas zu öffnen. Auch wenn es dir widerstrebt, könntest du ja, wenn du dich wohl damit fühlst, auch etwas mehr von dir preisgeben und dem anderen mitteilen, dass es dir schwer fällt, dich zu öffnen. Damit weiß der andere besser Bescheid und es dir nimmt dir vielleicht auch ein wenig die Scheu.

Professionelle Hilfe suchen

Wenn das für dich doch ein immer größeres Problem wird, empfehle ich dir dann vielleicht doch professionelle Hilfe zu suchen. Das wäre absolut in Ordnung, auch wenn ich jetzt nicht den dringenden Bedarf sehe. Aber auch Menschen ohne psychische Probleme suchen einen Psychologen auf, wenn sie mit anderen Problemen zu tun haben. Aber vielleicht könntet ihr gemeinsam noch einmal das aufarbeiten, was dir früher passiert ist. Vielleicht hilft dir das auch in deiner aktuellen Situation, Klarheit zu gewinnen. Aber natürlich nur, wenn du das willst und selbst Bedarf siehst. Das musst du natürlich nicht tun.

Ich wünsche dir alles alles Gute und hoffe, du findest auf diesen Wegen, jemanden, der dich so nimmt wie du bist. Ich hoffe, ich konnte dir damit helfen und würde mich freuen, wieder von dir zu lesen.

Liebe Grüße,
Lan