Problem von Anonym - 38 Jahre

Ich kann nicht Weinen nach dem Tod meiner Oma

Hallo!
Im Juni ist meine Oma nach langer Demenz und Diabetes Krankheit gestorben. Meine Oma hat mir viele Hobbys ermöglicht. Sie bezahlte mir meinen Chor und meine Konzertreisen. Auch meine Musikinstrumente hatte sie für mich bezahlt. Hat mich zu Klassik Konzerte eingeladen und wir sind nach den Konzerten immer mal zusammen Essen gegangen. Wegen Corona konnte ich meine Oma nicht im Pflegeheim besuchen und das letzte mal als ich sie gesehen habe war im Januar. Wo ich bei dem Besuch sehr kurz angebunden war da ich Arbeiten musste. Als meine Mutter erzählte das meine Oma ins Krankenhaus gekommen ist. Und das nur meine Mutter als ihre einzigste Tochter zu ihr darf war ich schon etwas enttäuscht. Ich konnte mich also nicht einmal von ihr verabschieden. Meine Mutter hatte mir dann nur Telefonisch berichtet das meine Oma nicht mehr Lebt. Auf einer Seite war ich Beruhigt das meine Oma nun nicht mehr Leiden muss und auf der anderen Seite war ich Traurig das ich mich nicht persönlich von ihr verabschieden konnte. Selbst bei der Beerdigung saß ich in der Trauerhalle und all meine Verwandten die zur Beerdigung gekommen sind haben getrauert. Einige.von ihnen haben sogar geweint. Es war mir echt Peinlich das ich noch nicht einmal bei der Trauerfeier geweint habe. Seitdem plagen mich Gedanken das ich vielleicht ein Schlechter Enkel war. Ich habe gehofft das wenn ich abends in meinem Bett liege vielleicht anfange zu Trauern aber nichts der gleichen ich habe keine einzige Träne geweint. Mittlerweile haben wir Oktober und noch immer habe ich nicht eine Minute um meine Oma getrauert. Was stimmt nicht mit mir. Bin ich durch meinen Job beim Rettungsdienst zu Hart geworden und kann deshalb nicht wirklich Trauern? Oder habe ich mich zu Zeitig von meiner Oma verabschiedet? Ich habe schon oft mit Kollegen darüber gesprochen aber diese wussten auch keinen Rat weiter.

Anwort von Lan

Lieber Ratsuchender,

zunächst einmal mein herzliches Beileid, das tut mir sehr leid, dass deine Oma gestorben ist und du den Verlust bewältigen musst.

Du machst dir Sorgen, dass du eventuell gefühlskalt geworden bist oder dass etwas nicht mit dir stimmt, weil du nicht trauerst. Ich lese heraus, dass du ein schlechtes Gewissen hast, weil dir deine Oma vieles ermöglicht hat und du ihr gewissermaßen vielleicht schuldig bist, dass du mehr um sie trauerst.

Dass du gefühlskalt bist oder zu wenig trauerst, finde ich persönlich nicht. Jeder trauert auf seine Weise, da gibt es kein richtig oder falsch, darauf werde ich noch eingehen. Du machst gerade eine Krise durch, hast einen wichtigen Menschen verloren, was sehr schmerzhaft ist. Warum das so ist, dass du nicht weinen kannst, kann ich dir nicht gewiss sagen. Das kannst nur du selbst für dich herausfinden. Ich kann nur Vermutungen anstellen.


Unser "typisches" Bild vom Trauern hinterfragen - Trauern ist persönlich und individuell

Du hast vermutlich ein bestimmtes Bild davon, wie man sich nach dem Tod einer geliebten Person fühlen und auch verhalten sollte. Dass man tieftraurig ist, sich seinen Emotionen hingibt, weint und eben auch trauert. Aber! So unterschiedlich wie wir Menschen sind, so unterschiedlich gehen wir auch mit dem Verlust einer wichtigen Person um.

Die Form, der Ausdruck und auch die Intensität zu trauern, sind individuell unterschiedlich und es kommt eben auch darauf an, um wen wir trauern. Es gibt kein falsches Trauern, jeder macht das anders. Auch wenn du denkst, dass du nicht trauerst, stimmt das nicht. Schon allein, dass du darüber nachdenkst, verarbeitest du den Verlust und leistest Trauerarbeit. Selbst schlechtes Gewissen und Zweifel gehören zum Trauern dazu. Wenn du in dich hineinspürst, merkst du doch, dass es dich bewegt und dass du uns schreibst, zeigt das ja auch.


Trauer hat verschiedene Gesichter

Du solltest dir klar machen, dass jeder Mensch anders trauert und es eben keine Norm gibt. Du bist genauso normal wie jemand, der nach einem Trauerfall nur noch weinen kann und mit seinem Leben nicht mehr zurecht kommt.
Vielleicht kommt die Trauer mit Weinen noch, vielleicht bleibt sie aus. Beides wäre vollkommen in Ordnung und auch normal. Vielleicht verdrängst du es auch und schützt dich unbewusst, indem du die Trauer nicht an dich heranlässt. Vielleicht kommt die tiefe Trauer bei dir später oder auch nicht. Das darf auch so sein.

Vielleicht hast du dich auch schon mit ihrem Tod abgefunden, warst schon vorbereitet und kommst deswegen damit besser zurecht.
Du fühlst, was du fühlst, lasse dir nicht einreden, dass es falsch oder richtig ist. Bewahre Ruhe, bewahre deine Emotionen, es ist okay, dass du so fühlst wie du fühlst.
Trauer kann viele verschiedene Gesichter haben, sie lässt sich nicht in Schubladen stecken. Deswegen vergleiche dich nicht mit anderen Trauernden, sondern konzentriere dich nur auf dich selbst.

Trauern ist eine Art Prozess, bei dem man den Schmerz verarbeitet. Das geht manchmal schneller und manchmal auch langsamer. Manche brauchen wenige Monate, um den Verlust zu bewältigen, manche Jahre.


Beziehung zu der Oma

Es klingt so, dass du deiner Oma für vieles, was sie dir ermöglicht hat, dankbar bist. Ihr habt euch vielleicht gut verstanden und habt viel unternommen. Du schreibst, dass du beim letzten Treffen im Januar sehr kurz angebunden warst, was auch mal passieren kann. Aber seitdem hast du sie anscheinend nicht mehr gesehen. Hattet ihr noch Kontakt zueinander? Ich vermute, dass ihr euch eventuell voneinander distanziert habt, weil ihr euch lange nicht mehr gesehen habt. Korrigiere mich, wenn ich falsch liege.

Ist es allein wegen der fehlenden Tränen, dass du denkst, dass du ein schlechter Enkel bist? Vielleicht reflektierst du einfach mal über deine Beziehung mit deiner Oma. Wie nah wart ihr euch? Was hat sie dir bedeutet? Wann warst du ihr ein guter Enkel, wann nicht? Ist das wirklich so?


Mit Emotionen auseinandersetzen

Vielleicht fragst du dich auch, woran es liegt, dass du nicht richtig trauern kannst, ohne das aber zu bewerten. Es ist okay, dass es so ist, wie es ist.
Trauer zeigt sich nicht nur durch Tränen. Höre in dich hinein, fühle in dich hinein: Was ist da an Gefühlen? Was spürst du? Und wenn es Trauer ist, wie fühlt sie sich an? Wie drückt sich Trauer bei dir aus? Was genau fühlst du denn jetzt, wo sie nicht mehr da ist. Vielleicht überwiegt auch die Erleichterung, dass sie nicht mehr leiden muss. Vielleicht hast du dich von ihr verabschiedet und konntest schon deinen Frieden mit ihrem Verlust schließen. Das ist alles möglich und nicht schlimm, dass du den Verlust so schnell verarbeiten konntest.

Aber du schreibst auch, dass du traurig warst, dass du dich nicht von ihr verabschieden konntest. Es zeigt also doch, dass du um sie trauerst!


Phasen der Trauer

Hast du vielleicht auch schon mal etwas von den verschiedenen Phasen der Trauer gehört? Da gibt es natürlich verschiedene Theorien dazu. Eine besagt, dass es vier verschiedene Phasen gibt. In der ersten Phase wollen wir den Verlust nicht wahrhaben und versuchen es zu verdrängen. In der zweiten Phase kommen dann die Emotionen wie Trauer, Wut, Zorn, Angst und noch mehr auf. In der dritten Phase wird der Verlorene bewusst oder unbewusst gesucht. In der letzten Phase wird der Verlust soweit akzeptiert und man richtet seinen Fokus auf die Zukunft.

Wichtig dabei ist zu wissen, dass es bei jedem Menschen anders sein kann, die Phasen können ganz wild durcheinander erlebt werden oder auch öfter als nur einmal. Vielleicht überspringt man auch Phasen, da gibt es kein richtig oder falsch. Wie es nun bei dir aussieht, kann ich nicht sagen, das musst du für dich herausfinden. Vielleicht kannst du dir die Theorie als Orientierung nehmen. Aber wenn es bei dir absolut nicht so sein sollte, ist das auch okay, du musst dich da nicht mit Modellen vergleichen.

Du solltest dich deswegen nicht schlecht fühlen, weil du nicht so trauerst, wie es "sein sollte". So etwas gibt es nicht, dass es etwas zutiefst persönliches, das kann und sollte man nicht vergleichen.
Mach dich deswegen nicht schlecht, wenn du nicht weinst oder so traurig bist, wie du denkst, dass es sein sollte. Sei nicht hart zu dir, nimm dir die Zeit, die du brauchst, um den Tod deiner Oma zu verarbeiten. Versuche dir selbst ein guter Freund zu sein, sei nicht hart zu dir, sondern tröste dich und kümmere dich um dich, damit es dir gut geht.


Sichtweisen auf Tod und Sterben

Ich denke, dass es auch entscheidend ist, was für eine Sicht du auf das Thema Tod und Sterben hast. Für viele ist es ein schmerzhaftes, sensibles Thema, mit dem sie sich nicht befassen wollen und was nur negativ für sie ist. Doch einige andere Menschen haben eine positive Sichtweise, akzeptieren Tod und Sterben als etwas Natürliches oder gar auch als Erlösung, wenn man lange mit Krankheit und auch Demenz zu kämpfen hat. Vielleicht ist das auch bei dir so, du schreibst ja, dass du auch froh bist, dass sie erlöst worden ist.

Es kann vielleicht auch sein, dass du anders mit dem Tod umgehst, als andere, eben weil du beruflich im Rettungswesen aktiv bist.

Ich vermute auch, dass du vielleicht innerlich schon damit gerechnet hast und vorbereitet warst, dass sie früher oder später sterben wird. Liege ich damit richtig? Vielleicht fällt es dir dadurch jetzt leichter, mit ihrem Tod zurecht zu kommen?


Verlust besser bewältigen

Vielleicht gelingt es dir auch, den Verlust so gut zu bewältigen, weil du über genügend Resilienz verfügst, also eine seelische Widerstandskraft, die dir in schwierigen Situationen Halt gibt. Vielleicht auch bedingt durch deine Arbeit. Du erstarrst eventuell nicht in deiner Trauer, sondern schafft es dich anzupassen und eine emotionale Balance schnell wiederherzustellen. Es ist vielleicht ein Beweis, dass du seelisch so gestärkt bist, dass dich die Trauer nicht übermannt, sondern du gut damit zurechtkommst.
Verurteile dich bitte nicht dafür, dass du diese Gefühle hast, sondern schätze das wert, dass du eben nicht dich dabei verlierst. Das ist bemerkenswert.

Es ist wichtig, dass du deine individuelle Art zu trauern akzeptierst, sie gehört zu dir und passt eben zu dir. Schau, was du gerade brauchst. Nur darauf kommt es an.


Über den Verlust mit anderen sprechen

Ich finde es gut, dass du dich deinen Kollegen schon anvertraut hast und mit ihnen gesprochen hast. Dass sie eben auch nicht weiter wissen ist okay. Man darf nicht erwarten, dass andere das verstehen, selbst wenn sie Ähnliches durchgemacht haben. Und dass sie auch nicht weiter wissen, ist verständlich. Wichtig ist es, dass du Halt bei anderen findest, jemanden hast, der dir zuhört und dass du in dich hineinhörst, deine Antworten findest. Vielleicht kannst du auch mit deiner Mutter sprechen, wie sie mit dem Verlust zurechtkommt, wenn ihr denn beide wollt. Oder du sprichst mit deiner Familie oder deinen Freunden, wenn du willst. Du musst nicht, kannst es aber tun. Vielleicht hilft dir das, Klarheit zu gewinnen.

Ich habe dir noch paar Links zusammengesucht, die dir Anregungen geben können:

https://www.meinegesundheit.at/cdscontent/?contentid=10007.688994
https://ze.tt/deine-trauer-ist-so-einzigartig-wie-das-was-du-verloren-hast/
https://mein-kummerkasten.de/136635/Nicht-faehig-zu-trauern.html


Ich wünsche dir von Herzen, dass du Antworten für dich findest und deine Art der Verlustbewältigung und Trauer akzeptierst und dich nicht dafür schlecht fühlst und verurteilst. Wenn du jemanden zum Schreiben brauchst, kannst du dich gerne wieder an uns wenden.

Viele Grüße,
Lan