Problem von Anonym - 16 Jahre

Ich habe das Gefühl , dass ich nicht mehr zu meinen Freunden passe

Hallo erstmal .
Ich habe seit einiger Zeit das Gefühl nicht mehr zu meinen Freunden in der Schule zu passen . Es fing vor ungefähr einem halben Jahr im Corona Lockdown an das ich einfach gemerkt habe , dass ich mich verändere , andere Gefühle , Wünsche , einen anderen Humor , andere Dinge die mich glücklich machen und bereichern besitze als meine Freunde . Als dann wieder die Schule anfing hab ich gemerkt , dass ich mich wirklich verändert habe und mich oft sehr unwohl und unverstanden fühle bei ihnen . Es wirkt manchmal so als ob eine große undurchdringliche Wand zwischen uns wäre und nur ich bemerke sie . Meine Freunde sind auch nicht furchtbar gemein doch ich habe manchmal das Gefühl als würden sie meine Gedanken nicht nachvollziehen können. Nicht im konkreten Gespräch doch wenn sie über jemanden reden habe ich das Gefühl ,dass , wenn wir nicht befreundet wären, ich dieser jemand sein könnte . Ich hoffe , dass ich alles verständlich rüberbringen kann . Immer , wenn ich bei ihnen bin verstelle ich mich oder beteilige mich nicht mehr an den Gesprächen und versinke in meiner Einsamkeit . Nach den Treffen fühlt es sich so an , als hätte ich ein Stück von mir hingegeben und es wäre einfach weggeschmissen worden . Sie wollen bestimmt nicht , dass ich mich so fühle . Sie sind einfach so wie sie sind und ich bin so wie ich bin und das passt nicht . Was soll ich tun ? Ich will sie nicht verletzen , diese Menschen waren mal ein unglaublich wichtiger Bestandteil meines Lebens und das will ich nicht einfach wegschmeißen als wäre es nichts . Aber mich so einsam zu fühlen , macht mich sehr unglücklich .
Vielen Dank schonmal .

Anwort von Lan

Liebe Ratsuchende,

das ist eine verzwickte Situation und ich kann mir vorstellen, dass dich das ziemlich belastet.
Der Corona-Lockdown hat uns alle sehr beeinflusst und geprägt und viele auch verändert, so wie dich auch. Das ist verständlich, es war und ist eine harte Zeit, die wir durchmachen und da kann es passieren, dass man sich wandelt. Das ist vollkommen in Ordnung. Auch ohne Lockdown verändern wir uns im Leben, das können wir nicht ändern, wir können nur lernen, es zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen.


Auseinandergelebt

Die Erkenntnis, dass du mit deinen Freunden nicht mehr auf einer Wellenlänge bist, tut sehr weh, das kann ich nachvollziehen. Es braucht Zeit, sich das einzugestehen.
Du hast es sehr treffend formuliert: Sie sind einfach so wie sie sind und ich bin so wie ich bin und das passt nicht."
Niemand hat Schuld daran, manchmal passt es einfach nicht, keiner ist besser oder schlechter, das hast du sehr reflektiert und richtig geschrieben. Es bedarf keiner Bewertung, es ist einfach Fakt, der aber wirklich sehr weh tut, wenn man ihn anerkennt, das verstehe ich.


Reflexion über dich und deine Freundschaften

Ich finde, dass du auf alle Fälle noch einmal in dich gehen solltest, bevor du eine Entscheidung triffst und weiter handelst: Was für Freunde willst du haben? Was ist dir an Freundschaft wichtig? Welche Qualitäten sollten Freunde haben? Was macht dich glücklich in Freundschaften? Und dann stelle den Ist-Zustand dem gegenüber, so wie es derzeit mit deinen Freunden ist. Vergleiche es und schaue, wo es Diskrepanzen gibt, wo kann man noch etwas ändern und wo nicht?

Frage dich auch: Was geben dir diese Freundschaften? Machen sie dich wirklich glücklich? Wirken sie sich mehr positiv oder eher negativ auf dich aus? Gibt es außer der gemeinsamen Vergangenheit etwas, was euch noch verbindet? Warum sind dir diese Freunde so wichtig? Was würde passieren, wenn du deine Freunde loslassen würdest? Wovor hast du hast, wenn du dich von diesen Freunden trennst? Ist es Angst vor Einsamkeit? Die Angst vor dem Verlust von Sicherheit? Und denkst du, du könntest trotz dieser Ängste, auch ohne deine Freunde auskommen? Was könnte Positives passieren, wenn du lernst, diese Freunde loszulassen? Sei ehrlich zu dir selbst: Möchtest du wirklich noch mit ihnen befreundet sein oder steckt dahinter nicht etwas anderes, was du nicht loslassen kannst?

Wie wichtig sind dir diese Freunde wirklich? Bist du bereit für diese Freundschaften zu kämpfen? Man kann alte Freundschaften auch wiederbeleben, das kostet viel Zeit und Mühen, aber am Ende lohnt es sich, wenn beide mitmachen.

Die Antworten darauf, kannst du nur in dir selbst finden. Versuche vielleicht einfach mal etwas Abstand zu gewinnen und dich mit dir und deinen Freundschaften auseinanderzusetzen, darüber zu reflektieren.

Setze dich auch mit dir selbst und deiner Veränderung auseinander: Was war der Auslöser für die Veränderung. Wie fühlst du dich damit? War es nur der Lockdown? Oder gab es davor schon Anzeichen? Und was hat das jetzt mit dir gemacht? Was für ein Mensch möchtest du sein? Was macht dich jetzt gerade aus? Es ist auch gut, wenn du dich mit dir selbst befasst und herausfindest, wer du bist und was du willst, um Klarheit auch über dein Leben und deine Freundschaften zu gewinnen.


Freundschaften, die uns nicht gut tun

Es klingt für mich persönlich nicht nach erfüllenden Freundschaften, wenn du dich einsam fühlst, dich verstellst und auch nicht an den Gesprächen beteiligt bist und du dich danach schlechter fühlst als davor.
Es ist nicht gut, dass du dich verstellst, nicht du sein kannst und dich eigentlich einsamer fühlst als geborgen. Dabei ist es doch Basis in einer Freundschaft, authentisch zu sein und sich sozial eingebunden zu fühlen. Das sind wichtige Bedürfnisse, die du derzeit nicht in der Freundschaft ausleben kannst. Es klingt so als würdest du etwas in die Freundschaft investieren, bekommst aber nichts zurück oder es wird nicht nicht wertgeschätzt.

Ich kann verstehen, dass du sie nicht verletzen willst. Ich finde aber, dass du dich im Moment nicht als Priorität siehst, sondern versuchst, es deinen Freunden recht zu machen, dich dabei aber selbst unglücklich und einsam machst. Du gibst dich selbst auf, um zu deinen Freunden zu gehören. Das kann auf Dauer, wie du schon schreibst, unglücklich machen und das wäre für mich auch keine wahre Freundschaft.


Mit Freunden darüber sprechen

Auf alle Fälle solltest du das Gespräch mit deinen Freunden suchen und ihnen mitteilen, was du gerade durchmachst und dass du dennoch befreundet sein willst, aber sich so viel verändert hat. Was sagen deine Freunde? Wie sehen sie das? Haben sie das selbst gemerkt, dass ihr euch verändert habt? Wie geht es ihnen damit? Was macht das mit ihnen und der Freundschaft zu dir? Sprich auch darüber, wonach du dich sehnst, was du dir von ihnen und von Freunden generell wünscht und ob ihr da auf einen gemeinsamen Nenner kommen könnt. Und natürlich wäre es auch wichtig sich darüber auszutauschen, was sich deine Freunde von dir wünschen. Sprecht über eure Gedanken, Gefühle, Wünsche, Sorgen und Probleme. Es muss nicht sein, dass ihr euch wieder sofort versteht, es kann dauern. Aber je öfter ihr darüber redet, desto mehr nähert ihr euch an, desto mehr entwickelt ihr auch ein Verständnis zueinander. Das ist ein Prozess, das kann dauern, aber es lohnt sich, einfach zu sprechen.


Für die Freundschaft kämpfen

Ich kann verstehen, dass du deine Freunde nicht loslassen willst, weil sie dir so wichtig sind. Und du musst die Freundschaft auch nicht "wegschmeißen". Nicht nur in Beziehungen und in der Liebe gibt es Konflikte, auch in Freundschaften und sowohl in der Liebe auch in der Freundschaft muss man an den Beziehungen arbeiten. Und vielleicht ist auch Hoffnung da und ihr könnt an der Freundschaft arbeiten? Findet auch gemeinsam Lösungen für das Problem: Könnt ihr gemeinsam Wege finden, an eurer Freundschaft zu arbeiten? Gibt es vielleicht doch noch Gemeinsamkeiten, auf denen ihr eure Freundschaft weiter bauen könnt? Ich hoffe, dass ein ehrlich Gespräch möglich ist, was euch wieder zusammenbringen kann.


Kontakt auslaufen lassen oder richtig Schluss machen

Wenn du merkst, dass es wirklich nicht mehr geht trotz vieler Gespräche und Annäherungsversuche, du eigentlich auch nicht das Bedürfnis hast, dich mit deinen Freunden zu treffen, du dich weiter unglücklich fühlst - dann sei ehrlich zu dir und deinen Freunden und überlege, ob es nicht besser wäre, Schluss zu machen.
Frage dich, ob das Freundschaften sind, die du dir wünscht? Auch wenn deine Freunde mal wichtiger Bestandteil deines Lebens waren, es kann sich leider ändern. Was früher mal war, muss leider nicht für immer so bleiben. Menschen und auch Freundschaften verändern sich. Natürlich fällt es schwer, wichtige Menschen loszulassen, das will man eben nicht, man gibt Sicherheit und wichtige Stützen auf. Du hast vermutlich viel mit ihnen zusammen erlebt, das hat euch zusammenschweißt, euch verbinden wichtige Erinnerungen und Erlebnisse. Aber wenn es dich weiter unglücklich macht und die Freundschaft für dich keinen Sinn mehr hat, solltest du dir zuliebe loslassen lernen.

Viele wollen den anderen nicht verletzen, melden sich dann einfach nicht mehr und lassen so den Kontakt auslaufen. Das ist einfachste und konfliktärmste Methode, aber eben auch nicht der Freundschaft würdig und wäre auch einfach nicht fair dem anderen gegenüber. Das Beste wäre, finde ich, ein klärendes Gespräch zu haben, wo man dem anderen aber aus seiner Sicht sagt, was los ist und dass man merkt, dass es eben nicht mehr so gut passt. Immer bei dir bleiben, das ist wichtig.

Du musst es dir selbst wert sein. Bleibe nicht in Freundschaften, die dir nicht gut tun. Hör auf deine innere Stimme, dein Gefühl, achte auf das, was dir gut tut und was du willst. Und suche nach Menschen, mit denen du dich gut fühlst, bei denen du dich zeigen kannst wie du bist, mit denen du dich glücklich fühlst und mit denen du mehr gemeinsam hast. Auch wenn es hart klingt, wenn man noch so viel um Freundschaften gekämpft hat und es nichts gebracht hat, dann sollte man nicht weiter klammern, denn das wäre Festhalten an der Vergangenheit. So hart es klingt: Menschen kommen, Menschen gehen, aber du wirst noch viele weitere Menschen in deinem Leben kennenlernen, die dir wichtig werden, du bist noch so jung. Ich kann es aus Erfahrung sagen und viele andere Menschen haben es auch öfter erlebt, dass sie Freundeskreise gewechselt haben. Es ist nicht unmöglich, man kann, wenn man will, auch andere liebe neue Freunde kennenlernen.


Alte Freunde gehen

So traurig es ist, es kommt immer wieder vor, dass Freundschaften zerbrechen. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, dass alte Freundschaften gelöst, aber dafür wieder neue angefangen werden. Das ist ein lebenslanger Prozess. Wir verändern uns, auch wie wir unser Leben leben und wir suchen uns Menschen, die am besten dazu passen. Oftmals ist es so, dass uns Freunde nur einen bestimmten Lebensabschnitt begleiten: Während der Schulzeit, der Unizeit, wenn wir unsere Karriere aufbauen etc. Es gibt aber auch Menschen, die uns ein Leben lang begleiten können, die sind super wichtig, aber auch super selten zu finden.


Auseinanderleben - meine Erfahrungen

Ich weiß nicht, ob es dir vielleicht weiterhilft, aber ich kann dir schreiben, dass ich etwas Ähnliches mit meiner damals besten Freundin erlebt habe. Wir kannten uns seit der Grundschule und waren auch viele Jahre eng befreundet. Aber wie das Leben nun mal ist, verändert man sich und auch die eigenen Freunde, manchmal in ganz unterschiedliche Richtungen. Dafür kann niemand etwas, es passiert einfach. Aber trotzdem hat es mich sehr traurig gemacht, als mir das mit meiner besten Freundin passiert ist, sie hatte sich sehr verändert und ich blieb aber die Alte, es passte einfach nicht mehr zwischen uns. Und so ähnlich wie du fühlte ich eine Art Wand zwischen uns, etwas was uns voneinander trennt. Ich distanzierte mich von ihr, lernte andere Freunde kennen, mit denen ich mich besser verstand. Ich sprach lange Zeit nicht mir ihr darüber, aus Angst, dass sie es verletzt und dass unsere Freundschaft gänzlich zerbricht. Doch irgendwann erzählte ich es ihr und auch sie war sehr traurig. Aber es half, darüber zu reden, das brachte uns für eine Zeit wieder näher. Doch wir hatten uns zu sehr auseinander gelebt, egal wie sehr wir es wollten und an der Freundschaft hingen, es war einfach nicht mehr dasselbe. Wir sind noch immer miteinander befreundet, mehr oder weniger, aber längst nicht mehr so wie früher, inzwischen ist sie für mich mehr eine "alte Freundin."

Ähnlich wie du brachte ich es nicht übers Herz, mich komplett von ihr zu trennen. Nur wegen der alten Zeiten und weil sie mir früher so viel bedeutet hat, sind wir noch befreundet, wenn unsere gemeinsame Vergangenheit nicht wäre, wären wir vermutlich nicht mal Freunde. Wir haben viel weniger Kontakt, ich sehe sie vielleicht nur ein oder zweimal im Jahr, das reicht mir auch.

Manche würden denken, dass ich einfach nicht loslassen kann und zu feige bin und lieber einen Schlussstrich ziehen sollte, andere finden okay, was ich tue, sie würden es verstehen. Es mag nicht der beste Weg sein, nicht komplett authentisch, aber wer sagt schon, was richtig oder falsch ist, das muss jeder für sich herausfinden, was er will und womit er gut leben kann. Während einige sagen, dass eine gemeinsame Vergangenheit nicht ausreicht, um all die Differenzen und die Distanz zu überbrücken, halte andere daran fest und lassen die Freundschaft am leben. Ich will dir damit nur zeigen, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, du könntest es so ähnlich wie ich machen, noch in Kontakt bleiben, aber eben nur so viel Kontakt zulassen, wie du dich damit gut fühlst. Damit könntest du die Freundschaften behalten. Das könnte eine Möglichkeit sein, aber du kannst es auch anders machen.


Vom Trauern und neue Freude finden

Aber wenn es am Ende doch so ist, dass du trotz Kämpfen dich immer noch nicht gut fühlst, ihr keinen gemeinsamen Nenner findet, wäre ein Aus der Freundschaft vermutlich das Beste. Aber das muss kein Scheitern bedeuten. Das Ende einer Freundschaft bringt auch viel positives Potenzial, es schafft Raum für Neues, für neue Freundschaften und die gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnisse bleiben erhalten, sie begleiten dich und du nimmst auch etwas aus ihnen mit.

Es ist schwer, Freunde zu verlieren, ich kann zwar nicht genau das nach empfinden, was du durchmachst, aber ich habe Ähnliches erlebt, als ich meine beste Freundin verloren habe.
Es mag sehr schmerzhaft sein, ähnlich wie eine verlorene Liebe. Bei dir muss es noch schlimmer sein, da es sich um deinen gesamten Freundeskreis handelt. Plötzlich sind da so viele Leerstellen, das kannst Angst und einsam machen. Aber glaube mir, diese schwierige Phase wird wieder vergehen. Und ja, es ist auch in Ordnung, wenn du dich zurückziehst und über diese verlorenen Freunde trauerst. Dafür darfst du dir ruhig Zeit und Raum nehmen, um über den Verlust hinwegzukommen.

Wenn du die Verluste verarbeitest hast und dich bereit fühlst, sei offen und gehe hinaus, probiere Neues aus und versuche neue Menschen kennenzulernen. Das mag jetzt gerade wegen Corona schwierig sein, ist aber nicht unmöglich. Über das Internet und Plattformen wie "Beste-Freundin-gesucht" kannst du andere Menschen kennenlernen, dich langsam herantasten. Ihr könnt auch erst einmal nur schreiben und euch, wenn ihr euch bereit fühlt, auch zum Spazierengehen treffen. Lass dir ruhig Zeit, andere wirklich kennenzulernen.


Hier noch einige Links, in denen du weitere Anregungen findest:
https://www.jetzt.de/liebe-und-beziehung/warum-es-ganz-normal-ist-dass-freundschaften-auseinandergehen
https://www.rataufdraht.at/themenubersicht/freundschaft/wenn-die-freundschaft-zerbricht

Ich wünsche mir von Herzen, dass du deine Antworten findest, dass du dich mit deinen Freunden aussprechen kannst und ihr gemeinsam eine Lösung findet. Schreib mir doch gerne, wenn sich etwas Neues ergibt, du Fragen hast oder jemanden zum Schreiben brauchst.

Viele Grüße,
Lan