Problem von Anonym - 17 Jahre

Tiefe Traurigkeit

Hallo,

es fällt mir etwas schwer, in Worte zu fassen, was ich fühle. Seit einigen Jahren begleitet mich eine tiefe Traurigkeit, die mich zu verfolgen scheint. Ich bin recht introvertiert, weshalb ich mich schwer tue, Kontakte zu knüpfen. Dadurch ist mein Freundeskreis ziemlich beschränkt. Vor etwa 7 Jahren habe ich einen großen Verlust in der Familie erlitten, den ich nie so ganz verarbeiten konnte. Ich bin leider äußerst sensibel und werde sehr stark von den Meinungen geliebter Menschen geprägt, die mir dadurch auch des öfteren das Herz gebrochen haben.
Ich fühle mich einfach nur so einsam und mir ist nach heulen zu Mute...

Anwort von Lan

Liebe Ratsuchende oder lieber Ratsuchender,

vielen Dank, dass du mit deinem Problem zu uns gekommen bist. Das macht mich traurig, zu lesen, dass du schon so lange mit dieser tiefen Traurigkeit lebst. Es tut mir leid zu lesen, dass du jemanden Wichtiges in deiner Familie verloren hast. Das muss schmerzhaft für dich gewesen sein. Fühl dich, wenn du möchtest, von mir gedrückt.

Zunächst einmal ist es absolut in Ordnung, dass du diese Traurigkeit spürst. Das ist eine Emotion, die wie alle anderen, wichtig ist für uns und uns etwas sagen will. Dass du diese Traurigkeit schon länger spürst, ist nicht schön, aber kann dir auch etwas sagen. Vielleicht horchst du in dich hinein und erspürst, woran das liegt. Es ist vor allem verständlich, dass du trauerst, wenn du jemanden wichtiges verloren hast. Das ist auch absolut normal, aber du musst da nicht allein durch.

Ganz wichtig: Du bist nicht deine Traurigkeit. Auch wenn sie dich sehr einnehmen sollte, du musst dich davon nicht kontrollieren lassen. Du kannst etwas dagegen tun, um mit der Traurigkeit besser zurechtzukommen. Wichtig ist, dass du dir eingestehst, dass du traurig bist und ergründest, woran es liegt.

Du schreibst, dass dich eine tiefe Traurigkeit verfolgt. Hast du dich mit der Traurigkeit schon einmal befasst oder sie mit jemandem besprochen? Ich nehme an, dass du einige Freunde hast. Vielleicht hilft es dir, wenn du diese Traurigkeit mit ihnen besprichst. Es mag sein, dass ihr die Traurigkeit nicht beseitigen könnt, aber das Reden könnte dir helfen, besser damit zurechtzukommen und deine Traurigkeit vielleicht besser zu verstehen. Oder du schreibst in einem Notizbuch oder am Computer auf, was diese Traurigkeit mit dir macht, wie du fühlst, was du dabei denkst, was dir einfach in den Sinn kommt, komplett zensiert. Das könne dir auch helfen, deine Traurigkeit besser zu verstehen.

Womöglich könnte deine Traurigkeit mit deinem Charakterzug der Introvertiertheit zusammenhängen. Aber das muss so nicht sein. Nur weil du introvertierte Züge an dir hast, muss das nicht bedeuten, dass du unglücklich sein musst. Und auch mit einem kleinen, beschränkten Freundeskreis kann man gut leben. Die Hauptsache, finde ich, ist, dass du einige wenige Freunde hast, auf die du dich aber wirklich verlassen kannst und mit denen du vieles Gutes und Schlechtes teilen kannst, die für dich da sind. Dein Glück muss nicht von der Anzahl an Freunden abhängen, es geht um die Tiefe und Qualität der Freundschaften. Wie sieht es da aus?

Vielleicht könnte es dir besser gehen, wenn du etwas findest, was dir gefällt, dir vielleicht wieder mehr Lebensfreude geben kann? Gibt es Dinge, die du magst, die du gerne machst und bei denen du deine Trauer vielleicht vergessen kannst? Es kann alles sein, Sport, in der Natur sein, kreative Hobbys wie Malen, Schreiben, Fotografieren, Kochen und was dir sonst einfallen könnte. Was hast du früher mal als Kind gemacht, wo du gute Laune bekommen hast? Die Hauptsache ist, dass du dich ablenkst und nicht immer an deine Traurigkeit denkst.

Setz dich aber bitte nicht unter Druck, wenn du es nicht schaffen solltest, nicht mehr traurig zu sein. Dann ist es eben so. Versuch das zu akzeptieren, wenn es nicht klappt, akzeptiere es und versuche es immer wieder. Du darfst dich deswegen auch nicht bestrafen. Versuch dir vorzustellen, du wärst dir selbst ein Freund. Wie würdest du mit deinem Freund umgehen, wenn er diese tiefe Traurigkeit verspüren würde?

Kann deine Trauer vielleicht mit dem Verlust in deiner Familie zusammenhängen? Korrigiere mich bitte, wenn ich falsch liege. Du schreibst selbst, dass du den Verlust nie so ganz verarbeiten konntest. Es ist absolut nicht schlimm, dass es so ist.Einen schweren Verlust zu verarbeiten, kostet viel Kraft, Zeit und Energie. Es mag sein, dass du es allein nicht schaffen kannst und daher professionelle Hilfe brauchst. Das ist absolut nichts, wofür man sich schämen muss, das ist normal. Ich würde dir raten, nachdem du schon so lange mit der Traurigkeit gelebt hast, dass du eine Psychotherapie besuchst, um diesen Verlust besser zu verarbeiten.

Es könnte schon einmal helfen, wenn du zum Hausarzt gehst und ihm deine Geschichte schilderst. Vielleicht nimmst du jemanden mit wie eine Freundin oder einen Freund, wenn du dich noch nicht mutig genug fühlst. Der Hausarzt erstellt dann eine erste Diagnose und kann dir sicher weitere Schritte aufzeigen, damit es dir wieder besser geht. Das Wichtigste ist aber, dass du akzeptierst, dass du Hilfe brauchst und du etwas aktiv tun kannst, sei es noch so klein.

Es mag schwer sein, aber vielleicht versuchst du mehr auf positive Dinge in deinem Leben zu schauen: Wofür bist du dankbar? Was magst du gern? Was ist um dich herum, was dir gefällt? Es kann noch so klein sein, aber versuche das wahrzunehmen, selbst schönes Wetter kann schon ein Grund zur Freue sein. Versuche dafür die Augen offen zu haben und schreibe dir am Ende des Tages in einer Art Tagebuch auf, was Positives passiert ist bzw. was du Positives wahrgenommen hast.

Es klingt so als würdest du deine Sensibilität als etwas schlechtes ansehen. Aber dem ist nicht so. Dass du sensibel bist, hat auch viele Vorteile, du bist empfänglicher für deine Mitmenschen, du nimmst Dinge viel intensiver wahr und bemerkst Dinge, die andere nicht sehen können.

Es ist natürlich nicht schön, dass dir öfter das Herz gebrochen wurde, weil du dich von de Meinungen anderer Menschen hast prägen lassen. Es mag schwer fallen, aber du solltest dich von den Meinungen anderer nicht zu sehr einnehmen lassen. Es sind ihre Meinungen, mit denen du nicht mitgehen musst. Vielleicht fällt dir das schwer, aber du solltest da deine eigene Grenzen ziehen und deinen geliebten Menschen deutlich machen, dass du ein eigenständiger Mensch bist und auch deine Meinung hast, aber auch deren Meinungen akzeptierst. Wenn du dich von Meinungen anderer abhängig machst, wirst du dadurch unglücklich, das wirst du vermutlich selbst erkannt haben. Es ist schwer, davon loszulassen, aber es lohnt sich. Wenn du unabhängiger wirst, traust du dich mehr und bist freier von Ängsten.

Aber dafür musst du vermutlich an deinem Selbstwertgefühl arbeiten. Ich vermute, dass du das eher von anderen ziehst und dich dadurch von den Meinungen so beeinflussen lässt. Du möchtest gemocht und akzeptiert werden. Und hast eventuell Angst, abgelehnt zu werden, wenn du anderer Meinung bist oder die Meinungen anderer nicht berücksichtigst. Korrigiere mich bitte, wenn ich das falsch verstehe.

Vielleicht kann es dir helfen, dich mit deiner Angst vor Ablehnung auseinanderzusetzen. Wovor hast du Angst? Was könnte schlimmstenfalls passieren, wenn du mal andere Meinung bist oder das nicht so machst, wie andere es wollen. Wäge die Konsequenzen und auch den Nutzen ab. Was könnte passieren, wenn du mal nicht auf die Meinung anderer hörst? Du hast gemerkt, dass dein Herz gebrochen wird, wenn du dich zu stark beeinflussen lässt. Aber wenn du deinen eigenen Willen zeigst, dann werden die anderen merken, dass man dich nicht so beeinflussen kann und das könnte dir Herzschmerz ersparen. Und nur weil du es nicht allen Recht machst oder immer auf die Meinungen anderer hörst, wirst du nicht abgelehnt und weniger geliebt werden. Im Gegenteil: Die anderen könnte Respekt vor dir entwickeln und schätzen dich noch mehr Wert. Vielleicht solltest du dich auch fragen, ob du eine Beziehung zu einem Menschen halten willst, bei dem es nur wichtig ist, dass du nach seinen Vorstellungen funktionierst. Es geht ja nicht nur um die anderen, sondern auch um dich und was du willst.

Falls du also Angst vor Ablehnung hast, musst du lernen, dich selbst mehr anzunehmen, wie du bist. Du bist liebenswert wie du bist, lass dir nichts einreden. Und du musst nicht alles so machen, wie andere es wollen. Das ändert nichts an deiner Einzigartigkeit und Liebenswürdigkeit. Darum bitte ich dich, zu überlegen, was du eigentlich willst und was dir wichtig ist. Gleiche das mit den Meinungen der anderen ab und schau, ob es Übereinstimmungen gibt oder nicht. Und wenn nicht, ist das okay, du bist du und ein eigenständiger Mensch mit eigenem Willen. Bitte nimm dir Zeit, herauszufinden, was dich ausmacht und wer du bist. Wenn du lernst, dich selbst zu akzeptieren und zu lieben, wirst du freier und brauchst nicht mehr darauf zu achten, was andere von dir halten. Du kannst dein Leben selbstbestimmt leben. Natürlich kannst du ruhig die Meinungen anderer hören und beachten, aber du musst nicht danach leben.

Du schreibst, du fühlst dich einfach nur einsam, das tut mir leid zu lesen. Es ist okay, dass du dich so fühlst und vor allem nachdem du Verluste und Verletzungen erlebt hast. Das ist schwer zu ertragen, aber du musst das nicht ewig so weitermachen. Du kannst aus der Einsamkeit herauskommen, wenn du auch aktiv wirst. Du musst nicht ewig damit und der Traurigkeit leben.

Ich empfehle dir, dass du dich auch sehr um dich kümmerst und dir das gibst, was du brauchst. Finde heraus, was du gerne machst und was dir gut tut und versuche es, in deinen Alltag einzubauen. Gibt es da bestimmte Hobbys, die dir Spaß machen? Vielleicht kannst du denen öfter nachgehen. Oder du machst etwas, was die Freude bereitet, erfüllst dir Wünsche, tust dir einfach etwas Gutes. Sport finde ich ist eine gute Sache, um dich körperlich fit zu halten, aber gleichzeitig schüttest du da auch Glückshormone aus, was sich wiederum gut auf deine Stimmung auswirken könnte.

Am wichtigsten finde ich aber auch, dass du nicht nur für dich bleibst und Zuhause bleibst, das könnte deine Einsamkeit nur verstärken. Auch wenn es dir wegen deiner Traurigkeit schwer fällt: Probiere es aus, gehe hinaus, meinetwegen auch nur zum Spazieren gehen oder in ein Café in die Stadt. Hauptsache du bewegst dich und triffst auf andere Menschen. Vielleicht gibt es jemanden an deiner Seite, der dich begleiten könnte.

Vielleicht gibt es auch Vereine, Sportkurse oder andere Kurse, die du interessant findest und die es in deiner Stadt gibt. Dort findest du auch Kontakt zu Leuten, die ähnliche Interessen teilen. Und wenn du gern anderen hilfst oder etwas für die Welt tun willst, empfehle ich dir auch auch ein Ehrenamt, da gibt es von Sport über Kultur und Soziales eine breite Vielfalt. Das Tolle daran ist, dass du automatisch mit Menschen in Kontakt kommst, du das Gefühl bekommst, etwas Sinnvolles zu tun und sich das wiederum auch positiv auf dein Wohlbefinden auswirkt. Du kriegst das Gefühl, gebraucht zu werden, gibst etwas, aber bekommst dafür auch etwas zurück. Du könntest beispielsweise in der Seniorenhilfe arbeiten oder im Tierheim oder bei der Tafel helfen.

Sinnvoll wäre es auch, wenn du dir deinen Tag oder deine Woche strukturierst und versuchst, dich an den Plan zu halten. Vielleicht machst du dir auch mal kleine Ziele und versuchst sie zu erreichen. Das verschafft dir kleine Glücks- und Erfolgsmomente, stärkt sein Selbstvertrauen und bringt dich aus deiner Traurigkeit ein wenig wieder hoch. Selbst kleine Sachen bringen schon viel, aber überfordere dich auch nicht.

Hast du auch versucht, dich mal auf Freundschaftskontaktbörsen anzumelden? Dort sind auch andere Menschen, die eventuell einsam sind bzw. neue Kontakte suchen. Oder du schaust in Foren oder Online-Gruppen, um dich an neue Kontakt schrittweise ranzutasten.

Außerdem empfehle ich dir als Akut-Ratgeber die Nummer gegen Kummer (116 111 oder unter https://www.nummergegenkummer.de/und die Telefonseelsorge (0800.1110111 oder 0800.110222 oder unter der Webseite https://www.telefonseelsorge.de), wenn du einfach sofort jemanden zum reden brauchst, aber niemanden hast. Diese wahren Anonymität, wodurch es leichter werden kann, die Hilfe zu suchen. Die Berater können gut einschätzen, welche Hilfe notwendig ist.

Das sind alles nur Ansätze, denen du folgen kannst, aber nicht musst. Du musst nicht alles ausprobieren, es reichen vielleicht auch schon 1 bis 2 Sachen, probiere für dich aus, was am besten helfen könnte. Aber bitte versuche nicht alles zu machen oder auch perfekt hinzukriegen, darum geht es nicht. Tue nur das, worauf du auch Lust hast und was du dir zutraust.

Ich wünsche dir wirklich alles Beste und hoffe, dass ich dir ein wenig helfen konnte. Du kannst dich gerne wieder melden, wenn du schreiben möchtest. Ich hoffe, dass du die Traurigkeit überwinden kannst bzw. lernst, damit besser leben zu können.

Liebe Grüße,
Lan