Problem von Lea - 23 Jahre

Wehmut nach Kindheit und Heimweh

Liebes Kummerkasten Team, ich weiß dass der Titel nicht auf ein wirkliches Problem hinweist, dennoch ist es etwas was mich persönlich belastet und ich würde mich über eine Antwort sehr freuen.

Die Sachlage ist diese: Ich bin letztes Jahr von Oktober zum November sehr schnell und spontan aus meinem Elternhaus ausgezogen. Es war so, ich habe die Anzeige der Wohnung am Montag gesehen, Mittwoch war die Besichtigung und eine Woche später war ich bereits in der Wohnung.
Schon im November hatte ich schon eine auseinander Setzung mit dem Stromanbieter der sich letztendlich auch über ein halbes Jahr hin zog. Und im Dezember hatte ich einen Wasserschaden der sich ebenfalls lange hin zog. Erst als das alles geklärt war, auch kurzzeitig am Anfang, fing bei mir der Heimweh an.
Ich habe morgens geweint und wenn ich von der Arbeit kam ebenfalls. Ich war in der Zeit auch viel bei meinen eltern, da ich innerhalb meiner Heimatstadt (eine Kleinstadt) ausgezogen bin. Das hat sich auch einigermaßen gelegt, aber ich habe immer wieder in regelmäßigen Abständen dieses Heimweh, oder Wehmut nach meiner Kindheit.
Ich hatte eine schöne und behütete Kindheit und noch immer ein tolles Verhältnis zu meinen eltern. Und genau das ist es, was mir zu schaffen macht. Ich möchte am liebsten wieder in dieses alte Leben zurück. Behütet bei meinen Eltern, immer wieder. In die alte Zeit meiner Kindheit und Jugend, in das was in der Art und Weise nie wieder kommen werden wird. Das macht mich unglaublich traurig. Es geht sogar so weit das ich Bilder meiner Familie weggelegt habe, sodass ich die nicht mehr sehe, um nicht daran erinnert zu werden das mir das fehlt.
Und mein hauptgedanke bei diesen traurigen Gedanken ist immer: Ich will nach Hause. Aber mein Hause ist nicht mehr bei meinen Eltern, aber mein zu Hause ist auch nicht meine wohnung. Zumindest fühlt es nicht nicht so an.
Vom Gefühl bin ich Vogelfrei und gehöre nirgendwo hin.
Es reicht schon dieser Gedanke, "ich will nach hause", und ich weine. Weil ich nicht mehr weiß wo das ist.
Ich bin mir dessen bewusst das meine Eltern mich immer mit offenen Armen empfangen werden, dennoch ist es nicht mehr mein Zuhause und ich sehne mich nach diesem Gefühl eines Solchen.

Ich weiß das ist ein langer Text. Und dafür entschuldige ich mich.. Aber es fühlt sich schon gut an, dies einmal geschrieben zu haben.

Ich danke euch sehr für eure Arbeit!
Liebe Grüße.

Anwort von Lan

Liebe Ratsuchende,

danke, dass du uns deine Geschichte erzählt hast und uns vertraust. Ich denke nicht, dass du deinen Wehmut und dein Heimweh relativieren musst. Für dich ist es ein Problem, so sehr, dass du uns schreibst. Es ist etwas, was dich sehr beschäftigt, also keine kleine Sache. Darum ist es vollkommen in Ordnung, dass du uns geschrieben hast.

Akzeptiere dein Heimweh

Es ist vollkommen normal, dass du Heimweh verspürst und es ist an sich auch etwas Gutes. Es zeigt, dass du dich zu deiner Heimat zugehörig fühlst, dass du dich mit deinen Eltern verbunden fühlst. Das ist eine tolle Sache. Und es ist für dich gerade auch eine schwere Zeit, in der du lernst, eigenständig zu werden und zu leben. Natürlich ist zunächst alles ungewohnt und fremd für dich und vermutlich sehnst du dich da umso mehr nach deinen Eltern, deiner Kindheit und Jugend, die dir Sicherheit und Geborgenheit und Vertrautheit geben. Da war alles noch vertraut und in Ordnung, anders als wahrscheinlich jetzt.
Es ist wichtig, dass du dir eingestehst, dass du Heimweh hast und das auch akzeptierst. Das sind deine Gefühle, die da sein dürfen. Es ist normal, dass du an dein Zuhause und deine Familie denkst. Und es ist auch vollkommen in Ordnung, wenn du deinen Gefühlen freien Lauf lässt und einfach weinst. Das kann durchaus helfen, besser als deine Gefühle zu unterdrücken.

Schneller Umzug und negative Erfahrungen

Also wohnst du dann vermutlich noch in deiner Heimatstadt, aber nicht mehr bei deinen Eltern, ist das richtig so?
Ich vermute mal, dass du aufgrund des sehr spontanen schnellen Umzuges nicht wirklich Zeit hattest, dich ordentlich zu verabschieden und dich von deinem Elternhaus abzukapseln. Das ist nur meine Vermutung.

Ich denke auch, dass es vor allem an den negativen Erfahrungen mit dem Stromanbieter und der Wasserschaden liegt, dass du dich eventuell noch unwohler in deinem neuen Zuhause bist und du dich darum noch mehr nach deiner Heimat sehnst. Erst nachdem das alles geklärt war, hattest du wahrscheinlich wieder den Kopf frei und das Heimweh erst wieder gespürt, denke ich.

Wohl behütete Kindheit und gute Beziehung zu den Eltern

Es freut mich zu lesen, dass du eine schöne Kindheit hattest und noch immer ein gutes Verhältnis zu deinen Eltern hast. Das ist sehr viel wert und gibt dir sicher viel Halt. Ich kann nachvollziehen, dass du gerne wieder in deine Kindheit zurück willst. Ich nehme an, dass diese für dich sehr unbeschwert war und ohne Sorgen. Anders als jetzt musstest du dich nicht um finanzielle Dinge oder eben Probleme mit der Wohnung befassen. Es war alles vertraut und sicher. Doch jetzt sieht dein Leben vermutlich nicht so unbeschwert aus, schließlich wohnst du nun allein, gehst arbeiten und musst dich mit den von dir erwähnten Problemen befassen. Das ist natürlich ein harter Cut, zumal der Auszug eben sehr schnell ging. Ich glaube, dass es dir dadurch vielleicht schwerer fiel, mit deinem früheren Leben mit deinen Eltern abzuschließen und dich gut auf deinen neuen Lebensabschnitt vorzubereiten. Es kam alles Schlag auf Schlag und du bist wahrscheinlich damit noch überfordert.

Ich glaube auch, dass es dir so schwer fällt, dich an dein neues Zuhause zu gewöhnen, weil du eben noch diese enge Bindung zu deinen Eltern hast. Das ist an sich schön, aber ich glaube, dass dir das ein wenig auch im Weg stehen könnte, um deinen eigenen Weg zu gehen. Das macht es dir schwerer, jetzt eigenständig zu werden, darum fällt es dir so schwer, dich von deinen Eltern und deiner Kindheit abzunabeln.

So schön deine Kindheit war, du musst leider, auch wenn es dir schwer fällt, davon Abschied nehmen und akzeptieren, dass du jetzt einen neuen Lebensabschnitt anfängst. Es ist leichter gesagt als getan, aber nur wenn du das akzeptierst, kannst du auch weitermachen. Solange du weiter daran hängst, wirst du dich nicht für neue Chancen und dein neues Leben öffnen können. Du kannst immer noch an deiner Kindheit und Jugend festhalten, dich an die schöne Zeit erinnern, dich daran erfreuen. Aber du musst trotzdem auch nach vorne sehen. Es ist okay, wenn du jetzt trauerst, diese Trauer und Sehnsucht darf sein und sollte auch Platz bekommen. Doch mit der Zeit wird es auch für dich einfacher werden, du wirst loslassen können und dich mit deinem neuen Leben arrangieren können. Die Erinnerungen an damals werden dich aber immer begleiten und dir Halt geben.

Warum hast du Heimweh?

Vielleicht kann es dir helfen, besser mit deiner Heimweh zurechtzukommen, wenn du dich folgendes fragst: Hast du Heimweh, weil du dein altes Zuhause vermisst? Oder weil du dein neues Zuhause nicht magst und dich unwohl fühlst? Wenn Ersteres zutrifft, dann erinnere dich gerne an alte Zeiten zurück und erfreue dich daran, deine Familie zu haben. Aber versuche nicht zu sehr in Erinnerungen zu schwelgen. Versuche auch an dem neuen Ort, deinem neuen Zuhause Schönes zu erleben. Damit du mehr Positives damit verbindest, dann wirst du dich damit auch besser fühlen.

Ich nehme an, dass du auch allein wohnst. Du bist es vermutlich nicht gewohnt, zuvor war immer jemand von deiner Familie da und jetzt ist diese Lebendigkeit verloren gegangen. Fühlst du dich vielleicht auch deswegen einsam, weil da niemand Zuhause ist? Das könnte ich sehr gut verstehen und das macht es noch schwerer, sich in der neuen Wohnung wohl zu fühlen. Manche kommen mit dem allein wohnen zurecht, manche weniger. Falls du dich zu einsam fühlst allein zu leben, wäre vielleicht eine Wohngemeinschaft eher etwas für dich?

Die Suche nach dem Zuhause

Du schreibst auch, dass du einfach nach Hause willst, aber eben nicht weißt, wo dein Zuhause ist. Das ist vollkommen normal. So geht es vermutlich allen, die von Zuhause ausziehen. Du hast schließlich dein wichtiges Umfeld, deinen Bezugsrahmen verloren und musst dich jetzt neu orientieren. Es ist wie eine kleine Krise, die du gerade erlebst. Darum fühlst du dich gerade auch so verloren und weißt nicht, wohin du gehörst.
Du bist gerade in einer schwierigen Phase und ich deute deine Heimweh auch als eine Suche nach dem richtigen Ort für dich selbst. Du weißt, wie du schon schreibst, nicht mehr, wo dein Platz ist. Dein Elternhaus ist nicht mehr dein Zuhause, da du dort ausgezogen bist. Doch auch dein jetziges Zuhause empfindest du nicht als wirkliches Zuhause, weil es so fremd für dich ist. Da ist es vollkommen normal, dass du nicht weißt, wo dein Zuhause ist. In deinem Herzen wird es vermutlich dein Elternhaus sein, was vollkommen okay ist. Du vermisst deine Familie und die unbeschwerte Zeit, als du noch bei ihnen gelebt hast. Das ist wie geschrieben vollkommen normal, dass du so empfindest und denkst. Es ist ein Prozess und du wirst vermutlich noch etwas brauchen, bis du dein Zuhause gefunden hast. Es braucht Zeit, bis du dein neues Zuhause akzeptieren kannst, bis du dich wirklich wohlfühlst, dauert es.

Meine Erfahrungen mit Heimweh

Vielleicht hilft es dir, wenn ich von meinen Erfahrungen dazu erzähle: Vor etwa acht Jahren bin ich fürs Studium und für die Liebe auch aus meiner Heimatstadt weggezogen, in eine vollkommen neue Stadt gezogen, in der ich nichts und niemanden außer meinen damaligen Freund kannte. Es war für mich sehr sehr schwer mich dort einzuleben, anfangs plagte mich auch eine ungeheure Sehnsucht nach meinem Zuhause. Dort waren Freunde und Familie, meine Heimat als Ort der Kindheit und Jugend, voller vertrauter Erinnerungen. Ich bin damals auch öfter hingefahren, wenn auch immer nur kurz, weil ich das alles so vermisste und mich mit meinem neuen Wohnort einfach nicht anfreunden konnte. Das war auch normal, weil es da nichts Vertrautes gab außer meinen Freund. Das allein reichte aber eben nicht. Lange kämpfte ich auch mit dem Studium und
damit, Freunde finden, das fiel mir schwer. Doch irgendwann machte es bei mir Klick, ich ging hinaus, unternahm etwas, entdeckte die Stadt für mich, fing an mich ehrenamtlich zu engagieren und lernte neue Leute kennen. Und irgendwann hatte ich Freunde, ein soziales Netz und kannte die schönen Ecken und verliebte mich in meinen jetzigen Wohnort, der für mich zur 2. Heimat geworden ist.

Ich will dir mit meiner kurzen Geschichte, die nicht unbedingt mit deiner vergleichbar ist, nur zeigen, dass es eben Zeit braucht, bis du ankommst in deinem neuen Zuhause. Aber es wird besser mit der Zeit, glaub mir. Wenn du Menschen an deiner Seite hast, die dich auffangen, dich dabei unterstützen, wird es einfacher werden. Ich weiß nicht, ob du noch Freunde in deinem Heimatort hast, aber wenn ja, kannst du sie ja öfter mal treffen und mit ihnen darüber sprechen. Vielleicht geht es ihnen ja genauso? Das Sprechen darüber kann schon sehr helfen. Du kannst auch mit deinen Eltern darüber sprechen, das ist auch in Ordnung und sie fragen, was sie dazu denken und was dir vielleicht helfen könnte. Es ist jedenfalls aber schön zu wissen, dass deine Eltern für dich da sind und dich mit offenen Armen empfangen.

Werde aktiv

Die Zeit wird vieles regeln, aber du kannst nachhelfen, wenn du selbst auch aktiv wirst und nicht im Kummer und im Heimweh versinkst. Vielleicht probierst du neue Hobbys aus, unternimmst etwas in deiner Stadt, machst bei Vereinen mit oder engagierst dich und lernst vielleicht so neue Leute kennen? Die Hauptsache ist, dass du nicht allein Zuhause bleibst, in Einsamkeit versinkst, sondern etwas erlebst und dich ablenkst. Mit neuen Erlebnissen und lieben Menschen, die für dich da sind, wird es für dich einfacher, Wurzeln zu schlagen und dich in deinem neuen Zuhause wohler zu fühlen.

Das Positive an deinem neuen Zuhause finden

Deine Wohnung muss erst wieder dein neues Zuhause werden.
Es kann dir helfen, dein jetziges Zuhause so einzurichten, dass du dich darin wohl und geborgen fühlst. Versuch doch vielleicht auch mal deine Eltern oder Freunde öfter einzuladen. Dann schaffst du damit auch positive Erfahrungen mit deinem neuen Zuhause

Es ist auch absolut okay, wenn du jetzt immer wieder deine Eltern öfter besuchst. Dann kannst du dich immer wieder freuen, wenn du an deinen Rückzugsort kommen kannst. Es kann dir helfen und auch Kraft geben, dich dann besser an dein neues Zuhause zu gewöhnen.

Wahrscheinlich wird das Heimweh nicht sofort verschwinden, aber das ist okay, wenn du von Zeit zu Zeit immer mal wieder Sehnsucht verspürst. Nimm es an, schätze dieses Gefühl, es darf da sein und gespürt werden.

Professionelle Hilfe

Wenn dich diese Heimweh jedoch noch viel länger beschäftigt und du das alles probiert hast und es nicht hilft, rate ich dir professionelle Hilfe zu suchen. Du musst da nicht allein durch, du kannst dir helfen lassen, das ist auch nichts, wofür du dich schämen musst.

Außerdem empfehle ich dir als Akut-Ratgeber die Nummer gegen Kummer (116 111 oder unter https://www.nummergegenkummer.de/und die Telefonseelsorge (0800.1110111 oder 0800.110222 oder unter der Webseite https://www.telefonseelsorge.de), wenn du einfach sofort jemanden zum reden brauchst, aber niemanden hast.

Es freut mich sehr, dass es dir schon gut getan hat, das alles zu schreiben. Ich hoffe, ich konnte dir auch weiterhelfen und dich zum Nachdenken anregen. Du kannst mir gerne noch einmal schreiben, wenn du willst. Und ich freue mich, dass du unsere Arbeit wertschätzt! Das bedeutet uns sehr viel.

Ich wünsche dir wirklich alles Beste und hoffe sehr, dass du dein Zuhause finden wirst.

Liebe Grüße,
Lan